The Society of Music: 13. Mai 2020

Die Beste, der Größte

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Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
13.05.2020

Auf „classical-music.com“ – der „official website“ der BBC – wird vermeldet, wer „The Twenty Greatest Pianists of all time“ sind; wer „The Twenty Greatest Sopranos of all time“; wer „The Twenty Greatest Conductors of all time”, wer “The Greatest Violin Players of all time” – oder auch die besten Orchestermusiker oder die größten Tenöre oder die besten Baritone usw. usw. Welch prächtiges Beispiel dafür, dass sich hinter solchem Lob nichts anderes verbirgt als ahnungslose Anmaßung.

»Kritiker gibt es, deren Jeder vermeint, bei ihm stände es, was gut und schlecht sein sollte; indem er seine Kindertrompete für die Posaune der Fama hält.«

So notiert Arthur Schopenhauer in seinen Parerga und Paralipomena. Was ist davon zu halten, wenn unter den Dirigenten Simon Rattle von George Szell, Pierre Monteux, Arturo Toscanini und Wilhelm Furtwängler eingestuft und Carlos Kleiber (trotz seines Minimal-Repertoires) auf den ersten Platz gesetzt wird? Was davon, dass Fritz Reiner und Leopold Stokowski und Victor de Sabata, um nur drei Namen zu nennen, nicht erwähnt werden. Was davon, dass Christine Brewer, Elisabeth Schumann, Karita Mattila vor Rosa Ponselle rangieren, Emma Kirkby vor Elisabeth Schwarzkopf – und dass Adelina Patti, Luisa Tetrazzini, Lotte Lehmann und Frida Leider ebenso fehlen wie Anna Netrebko? Endlich davon, dass Murray Perahia und Wilhelm Kempff höher eingestuft werden als Claudio Arrau und Josef Hofmann – und dass Rudolf Serkin, Friedrich Gulda und Grigory Sokolow keine Erwähnung finden?

Wer hat, ist zu fragen, auf der Kindertrompete die Posaune der Fama geblasen? Und waren die vom Magazin „The Gramophone“ befragten Kritiker, die im Jahre 2008 die Rangliste der derzeit besten Orchester der Welt aufstellten, vom Fach? Oder besser: Wann und wie oft haben etwa die englischen Rezensenten das auf Platz 9 gesetzte Budapester Festival Orchestra oder das Saito Kinen Symphony Orchestra (Platz 19) hören können? Oder wann und wie oft waren der deutsche oder der österreichische Kritiker in den USA, in Prag oder in St. Petersburg, um eine Vergleichsbasis zu bekommen?

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Besser als die Callas? Die Sopranistin Anna Netrebko.

(Foto: Kristian Schuller / DG)

Was sich aus den von verschiedenen Sendern und Magazinen angestellten Vergleichen ergibt, ist nicht das, was es vorgibt zu sein: ein Maßstab. Das beruht nicht auf der Unmittelbarkeit eines selbsteigenen Denkens, sondern auf Gemeinplätzen, die sich im Lauf der Jahrzehnte verfestigt haben. Es ist ein Zitaten-Getrödel von überkommenen Urteilen: ästhetische Falschmünzerei. Schlechthin unsinnig sind sie, weil sie nichts anderes zeigen als ein Image, das geborgte Gesicht eines Künstlers.

Umso fataler ist die von ihnen ausgehende Wirkung. Der hochmögende Betrug ist von entscheidender Bedeutung für das, was Georg Franck als „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ beschrieben hat. Es war diese Ökonomie, die sich im Fall des zum besten Pianisten der Welt hochgejubelten chinesischen Pianisten Lang Lang glänzend verzinste. Nicht anders stand und steht es um die russische Sopranistin Anna Netrebko, deren Aufführungen ungeachtet inflationärer Kartenpreise immer ausverkauft sind. Als sie noch die schöne junge Russin war und am Anfang ihrer Karriere stand, musste sie, wie in einem großen Nachrichtenmagazin zu lesen war, „besser als die Callas“ sein – „sonst hätte ich sie nicht ins Blatt bekommen“, gestand mir, lächelnd und frustriert zugleich, der Autor. Es sind solche Fake-News, die kurz darauf auf Platten-Covers oder in sogenannten „Künstler-Biographien“ in den Dienste der Ökonomie der Aufmerksamkeit gestellt werden. ¶

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