KESTINGS FLASCHENPOST: KLEINE SCHULE DER GESANGSKUNST

Das Heilige Feuer

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Es existiert kein Instrument, das sich der menschlichen Stimme vergleichen ließe, fand schon William Byrd. Ob uns ein Gesang anspricht oder nicht, ist meist schnell klar; aber schwer zu sagen, warum. Jürgen Kesting, takt1-Kolumnist und einer der international führenden Experten der Gesangskunst, führt hier in diesen „Flaschenposten“ in das kleine und große Einmaleins des Kunstgesangs ein. In loser Folge geht es ums Wesentliche: um technische Themen, um zentrale Werke, vor allem aber um große Sängerinnen und Sänger. Ihre Aufnahmen, nicht wenige mehr als hundert Jahre alt, sind Flaschenpost einer vergangenen Zeit, nicht selten lehrreich fürs Heute.

Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
03.08.2022

Ein Mensch, der sich in einem heftigen Zorn befindet, so schreibt Mozart über den Haremswächter Osmin, „überschreitet alle Ordnung, Maaß und Ziel, er kennt sich nicht – so muß sich auch die Musik nicht mehr kennen – weil aber die Leidenschaften, heftig oder nicht, niemal bis zum Ekel ausgedrückt seyn müssen, und die Musik, auch in der schaudervollsten Lage, das Ohr niemalen beleidigen, sondern doch dabey vergnügen muß und folglich allzeit Musik bleiben“. Hingegen schreibt Wagner über eine Passage aus dem Monolog des Tristan – „Der Trank! Der Trank! Der furchtbare Trank! Wie vom Herzen zum Hirn
er wütend mir drang!“ – er habe ihr „einen ungeheuren Ausdruck gegeben“. Viele Sänger haben dies als Aufforderung zu einem exaltierten Keuchen verstanden. Dabei hat Wagner die rhetorische Frage gestellt: Was kann der Affekt hervorbringen wenn er die organischen Möglichkeiten überschreitet? 

Es gibt drei Formen oder Möglichkeiten sängerischer Expression: das verbale Agieren, das vokale Agieren und jene geheime Qualität, die als das fuoco sacro bezeichnet worden ist – als das heilige Feuer. Gemeint ist ein Singen, che nell‘ anima si sente, das also nur die Seele hören kann. Gemeint sind Klänge, in denen, wieder mit Wagner zu sprechen, „das innerste Wesen der menschlichen Gebärde“ sinnenfällig wird, also ein innerer, ein seelischer Vorgang. Das alles mag spekulativ klingen, als Ausdruck einer einseitigen oder außenseiterischen oder pseudo-spirituellen Empfindung belächelt werden. Aber wie kommt es, dass bei Fragen nach Sänger*innen mit dem fuoco sacro oder „mit Seele“ immer wieder dieselben Sänger und Sängerinnen genannt werden: Caruso, Schaljapin, Meta Seinemeyer, Mafalda Favero, oder Kathleen Ferrier, deren reiche Altstimme den Dirigenten Bruno Walter nicht zuletzt deshalb faszinierte, weil sie dem weiblichen Leid einen Klang gab:

Robert Schumann: Frauenliebe und -leben op. 42 Nr. 8 "Nun hast du mir den ersten Schmerz getan"
Kathleen Ferrier, John Newmark

Sind ein paar weitere Beispiele erwünscht? Die Klage des Macduff über den Tod seiner von Macbeth ermordeten Kinder ist eine formal schlichte scena ed aria, die, wenn nach Anweisung „con espressione melanconica“ vorgetragen, ihre Gefühlswirkung nicht verfehlt. Wenn man sie aber von Enrico Caruso hört, der die Partie des Macduff nie auf der Bühne gesungen hat, nimmt schon der Anruf der ersten drei Takte – „Oh figli, o figli miei“ – die Klang-Gestalt von Schmerz und Verzweiflung an.

Giuseppe Verdi: Macbeth, „O figli, o figli miei“
Enrico Caruso

Die 1903 nahe Ferrara geborene Mafalda Favero besaß eine zarte, lyrische Sopranstimme, die wie geschaffen war für Frauenfiguren vom Typ der donna fragile (femme fragile): Manon von Massenet, Mimì und Liù von Puccini, Suzel und Lodoletta von Mascagni: Sie war auch eine anrührende Ci-Cio-San in Madama Butterfly, gestand sich aber selber ein, dass sie mit dieser Partie überfordert war und dadurch ihre Karriere mit mindestens fünf Jahre verkürzt hatte. Ikonischen Rang hat ihre Aufnahme der Arie „Flammen, perdonami“ aus der womöglich schwächsten Oper von Mascagni – es ist der Verzweiflungsgesang über eine unerfüllte Liebe.

Pietro Mascagni: Lodoletta, „Flammen, perdonami“
Mafalda Favero

Der Komponist Reynaldo Hahn hat in seinen Betrachtungen über das Singen gesagt, entscheidend für die Wirkung sei die Symbiose von Klang und Gedanken. Wenn Jon Vickers nach der langen Einleitung zur Arie des Florestan seinen Verzweiflungsruf an „Gott“ richtet, verwandelt sich ein Ton, das ins Schweigen der Nacht entsandte G, in eine Chiffre: Gott und Gnade. Die mächtige Stimme wird zum Medium des Geistigen. In der Phrase „Doch gerecht ist Gottes Wille“ gibt er „Wille“ eine schwere, expressiv eindringliche Appoggiatur.

Ludwig van Beethoven: Fidelio, „Gott, welch Dunkel hier“
Jon Vickers, Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra

Es ist ein großer Fehler oder besser: ein ästhetischer Missgriff, den Affekt im naturalistischen Sinne nachzuahmen – sei es durch ein Husten beim Tode des Violetta, ein Röcheln des sterbenden Otello oder ein Jammerweinen der Tosca, die von Baron Scarpia am Ende des ersten Aktes in die Enge getrieben wird: „Dio mi perdona. Egli vedi ch’io piango.“ Es ist unbestreitbar, dass Renata Tebaldi eine der besten Sängerinnen der Tosca war, aber wenn sie an dieser Stelle in der Aufnahme unter Francesco Molinari Pradelli zu schluchzen beginnt, geht die Darstellung über in eine Demonstration von Verzweiflung. Dilettantismus. Bei Maria Callas, in der Aufnahme unter Victor de Sabata, quillt das Weinen aus dem Klang.

Giacomo Puccini: Tosca, "Ed io venivo a lui tutti dogliosa"
Maria Callas

Dass der Klang, mit dem eine Phrase gefüllt wird, den Text konterkarieren kann, ist in einer Aufnahme des Tenors Joseph Schmidt zu erleben. Er gehörte zu den Besonderen und Auserwählten, in denen das heilige Feuer brannte, mehr noch, zu jenen, die der „melancholischen Companey“ angehörte. In dem Film Ein Lied geht um die Welt sang er Johann Strauss‘ Launisches Glück aus der Operette Tausenduneine Nacht – und wie kein anderer sang er brillant und strahlend von tiefster Verzweiflung, so als ahne er, dass sein Glück nicht von Dauer sein werde.

Johann Strauss: Tausendundeine Nacht, „Launisches Glück“
Joseph Schmidt

Vielleicht müssen die Jüngeren daran erinnert werden, dass Schmidt nach großen Erfolgen in Deutschlag emigrieren musste und im Schweizer Exil unter schrecklichen Umständen starb. ¶

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