The Society of Music: 10. Juni 2020

»Create excitement. Don’t get excited.«

Zurück
Jürgen Kesting
Jürgen Kesting
10.06.2020

Die sich in ihrer Rolle bedingungs- oder kompromisslos verzehrende Gesangstragödin, der mit den Armen rudernde und die Siegesfaust hochreckende Klavier-Virtuose, der wie in Trance versunkene Magier am Pult – das sind weithin bekannte Topoi des Lobs für Künstlerhelden. Eine andere Frage, ob und inwiefern dieses Lob für äußere, wenn nicht äußerliche Manifestationen zu rechtfertigen ist – oder ob es sich gar um ein fundamentales Missverständnis handelt. Bei der kompromisslos sich verzehrenden Gesangstragödin, der es – hier ein solcher Topos – „um mehr geht als nur um schöne Töne“, handelt es sich oft oder sogar meist um eine Sängerin, der die schönen Töne abhanden gekommen sind. Schwieriger zu beantworten, ob es sich bei der Gymnastik am Klavier oder dem Tanz am Pult um Leidenschaft handelt oder nur um die Künste(leien) der Leidenschaft.

Muss man also, um zu ergreifen, selbst ergriffen sein? Als der russische Bass Fjodor Schaljapin, der Archetypus des „singenden Schauspielers“, erlebte, dass sein Kollege Beniamino Gigli sich nach einer Aufführung von Leoncavallos Pagliacci wand und die Tränen von Canios Verzweiflung verschüttete, sagte er spöttisch:

»Welch ein Dilettant! Er soll das Publikum zum Weinen bringen, aber er darf nicht selber weinen.«

Dieser Gedanke ist in vielen Varianten zu finden. Die wohl berühmteste stammt von Diderot:

»Die Tränen des Schauspielers rinnen aus dem Verstande.«

Die Kunstleistung beruht nicht auf der Identifikation mit der dargestellten Figur, sondern auf der Distanzierung zu ihr. Der Eindruck von Spontanität oder Identifikation entsteht mittels einer kaltblütigen Strategie. So hat Richard Wagner in seinem epochalen Aufsatz Über Schauspieler und Sänger berichtet, dass sich die Sopranistin Wilhelmine Schröder-Devrient selbst in dem Moment „des in vollster Selbstentäußerung verlorenen Bewusstseins“ des Spiels innewurde – sie entriss ihrem alten Lehrer, der die Tränen der Ergriffenheit abwischen wollte, das Taschentuch: „Was hast du Alter zu weinen? Das lass meine Sorge zu sein.“ Um das ganz einfach auszudrücken, mit den Worten des Cellisten János Starker: „Create excitement. Don’t get excited.“

jascha heifetz

Bei ihm spielte die Geige gleichsam aus sich selbst: Violinist Jascha Heifetz.

Sicher, es gibt das heilige Feuer, das sich im Spiel entzündet und aufflammt. Aber wer sich der Erregung überlässt, läuft Gefahr, die technische Kontrolle zu verlieren. Das kann zu Lampenfieber führen, zu einer verstärkten Beschäftigung mit dem Leistungsvollzug, dessen Folge wiederum eine Beeinträchtigung der eingeübten Bewegungen zur Folge hat. Pantomimische Mitbewegungen beim Klavier- oder Geigenspiel sind kultivierte oder sublimierte Angstsymptome. Heinrich Heine hat in einer Betrachtung über Niccolò Paganini gesagt, dass die Geige ein Instrument mit menschlichen Launen sei und

»mit der Stimmung des Spielers sozusagen in menschlichem Rapport steht: das geringste Missbehagen, die leiseste Gemütserschütterung findet hier einen unmittelbaren Widerhall – weil die Violine, so ganz nahe an unserer Brust, auch unser Herzklopfen vernimmt?«

Jascha Heifetz spielt den zweiten Satz aus Beethovens Violinsonate in c-Moll, op. 30,2.

Wenn ein Künstler sich davon frei machen konnte, dann der Violinist Jascha Heifetz. Die Arbeit des Interpreten lag hinter ihm, wenn er die Bühne betrat und zu spielen begann – ein „Kampf mit der Materie Musik“ wurde bei ihm nie erkennbar. Bei ihm spielte die Geige gleichsam aus sich selbst. Sein Spiel lässt sich nur oxymoronisch beschreiben: als fiebrig-kühl. Darob wurde er als „the great stone face“ ebenso bewundert wie gefürchtet. Die Chauvinisten des deutschen Tiefsinns haben die technische Meisterschaft des wie ein Buddha wirkenden Geigers mit Gefühllosigkeit oder Kälte verwechselt. Heifetz konterte lapidar: „Was ich fühle, geht das Publikum nichts an.“ Aber durch die vollkommene Beherrschung des „Metier“ hat Heifetz jene „selbstbewusste Freiheit des Geistes“ (Heine) gewonnen, die den ausübenden Künstler auf die Höhe des Komponisten hebt, indem er dessen Wollen die Verwirklichung sichert. ¶

2.000+ ausgewählte Videos
Regelmäßige exklusive Live-Konzerte aus aller Welt
Täglich neue Musik-Geschichten
Konzertführer
CD-Empfehlungen
Keine Werbung