THE SOCIETY OF MUSIC: 2. FEBRUAR 2022

Weltverflüssigung zum Frühkaffee

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Holger Noltze
Holger Noltze
02.02.2022

Man liest und liest, dies und das, und manchmal bleibt was hängen. So ging es mir gerade mit einer Stelle aus Walter Rathenaus Buch Zur Kritik der Zeit, erschienen 1912:

»Täglich mindestens einmal öffnet das Welttheater seinen Vorhang, und der Abonnent des Zeitungsblatts erblickt Mord und Gewalttat, Krieg und Diplomatenränke, Fürstenreisen, Pferderennen, Entdeckungen und Erfindungen, Expeditionen, Liebesverhältnisse, Bauten, Unfälle, Bühnenaufführungen, Spekulationsgeschäfte und Naturerscheinungen; an einem Morgen während des Frühkaffees mehr Seltsamkeiten, als seinem Ahnherrn während eines Menschenlebens beschieden waren. […] Das Beängstigende der Bilderflucht ist Ihre Geschwindigkeit und Zusammenhanglosigkeit. Bergleute sind verschüttet: flüchtige Rührung. Ein Kind misshandelt: kurze Entrüstung. Das Luftschiff kommt: ein Moment der Aufmerksamkeit. Am Nachmittag ist alles vergessen, damit Raum und Gehirn geschaffen werde für Bestellungen, Anfragen, Übersichten. Für die Erwägung, das Erinnern, das Nachklingen bleibt keine Zeit. Es ist, als sei die Welt flüssig geworden und zerrinne in den Händen.«

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Walter Rathenau, geboren 1867.

(Foto: Public Domain)

Walter Rathenau war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Industrieller und Politiker, später sogar Reichsaußenminister, im Amt ermordet 1922 von Rechtsterroristen. Die Welt war ihm flüssig geworden, und das war zehn Jahre davor noch die Welt des Kaiserreichs, Vorkriegszeit, dabei hatte Rathenau kein iPhone und keinen Facebook-Account. Und doch findet er ein paar treffende Worte über die merkwürdigen kleinen Verwirrungszustände, in die uns das tägliche Bombardement des allerlei Unerhörten versetzt, und auch die Entsorgungskompetenz, ohne die wir wahnsinnig werden müssten bzw. es vielleicht ja schon ein wenig sind. Er spricht übrigens nicht, in der üblich medienkritischen Metaphorik, von der Bilderflut, sondern -flucht, das erinnert, genauer, an ein Kabinett unendlicher Spiegelungen.

Was kann man tun gegen die Risiken einer „Mechanisierung des Geistes“, für die Rathenau so gute Antennen hatte? – An Abschottungsfantasien wie die von der Möglichkeit einer Abschaltung der modernen Welt mag ich nicht glauben, es wird uns nicht helfen, die Smartphones wegzuwerfen, auch das lehrt der 110 Jahre alte Text. Gelegentlich die Aufmerksamkeit auf ein gutes Stück Musik zu richten: kann helfen, etwas Zeit zum „Nachklingen“. ¶

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