THE SOCIETY OF MUSIC: 7. Dezember 2022

...oder kann das weg?

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Holger Noltze
Holger Noltze
07.12.2022

Lang ist der Nachklang jener Rede, die Tom Buhrow Anfang November im Hamburger Übersee-Club gehalten hat. Der WDR-Intendant sprach über die dringende und sehr grundsätzliche Reformbedürftigkeit des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und zugleich über die ebenso grundsätzliche Reformunfähigkeit eines sklerotischen Systems. Man kann das widersprüchlich finden. Wie auch die Bemerkung des Intendanten, er rede hier als Privatperson. Das war schlau, denn was er da an Tabuthemen ganz privat dem Übersee-Clubleuten auf den Tisch legte, ist von solcher Brisanz, dass der Chef der größten Anstalt des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds das unabgestimmt nie hätte sagen können. Es war vor allem aber auch sehr blöd, nicht nur, weil ein WDR-Intendant öffentlich nicht privat reden kann, zumal wenn er, wie ganz Schlaue herausgefunden haben wollen, für seinen Ausflug nach Hamburg und in die Tabuzonen öffentlich-rechtlicher Lebenslügen wohl einen Reiseantrag gestellt hat. Auch einen auf Nebentätigkeit? Man fasst es nicht.

Man kann diese Widersprüche und Aussetzer wohl kaum logisch, allenfalls psycho-logisch erklären. Da wollte sich ein Spitzenmanager, der nicht nur von den System-Feinden des Öffentlich-Rechtlichen, sondern auch von den eigenen Leuten viel Kritik einstecken muss, mal Luft machen, einmal, und sei es mit dem gewagten doppelten Rittberger seiner Privatrede, auf die Seite der Coolen springen, der Großvisionäre, der unerschrockenen Tabubrecher im Sinn der großen Sache. Einmal nicht nur das Kleinklein und die Unbeweglichkeit und die Selbstblockaden des eigenen Ladens schwach wegerklären müssen, sondern einen Wurf wagen und sich dafür von denen feiern lassen, die sonst kein blondes Haar an ihm lassen wollen. Dabei war er einst angetreten als der nette Tom, Parole: ich bring die Liebe mit – und dafür auch geliebt werden möchte.

buhrow

WDR-Intendant Tom Buhrow.

(Foto: Oliver Berg)

Er wollte sich, kurz vor Ende seiner Amtszeit, einmal Luft machen. Einem Teil seiner Belegschaft blieb die Luft weg, vor allem den vielen festangestellten Top-Musiker*innen in den Klangkörpern des WDR, aber auch der ARD im Ganzen. Denn als Beispiel für sein Doppelbild der Reformnotwendigkeit bei gleichzeitiger Reformunfähigkeit fokussierte er konkret vor allem die Rundfunkorchester und Klassikwellen. Viel zu viele, viel zu teuer, wer will das alles und doppelt und x-fach. Die FAZ, die Buhrows Rede verbreitet hatte, fand, er habe sich die „Kultur“ nur zum Beispiel vorgeknöpft. Hätte er – zum Beispiel – über die Kostenstruktur bei Sportrechten ähnlich mutig schwadroniert?

Die Klangkörper- und Klassikwellenangestellten des WDR und der ARD haben jetzt Schnappatmung, sie fragen sich, wie es sein kann, dass sie der eigene Chef sie zur Disposition stellt. Hat er sie nicht immer supergut gefunden? Und die immer wachsamen Lobbyisten der Musik waren schnell mit scharfer Kritik.

Nun kann man schon finden, dass sich ein Chef erstmal vor seine Leute stellen soll. Andererseits kann man auch finden, dass gerade der gut alimentierte Club der Rundfunkklangkörper vor lauter Selbstfeier ihrer Exzellenz und Tradition die mehr als nur symbolische Arbeit an Antworten auf die Frage, warum es sie denn weiter geben solle, irgendwie verpasst hat, oder verträumt. Für wen man spielt, was die öffentliche Aufführung „klassischer“ Musik sein kann und soll: Die meisten städtischen Orchester stellen sich solchen – schwierigen! – Fragen beherzter als ausgerechnet die, deren Auftrag es wäre, Avantgarde zu sein. Zu spielen, was andere nicht können. Ein Labor für neue Musik zu sein, neue Ideen für alte Musik zu haben, und für ein neues Publikum. Natürlich regt sich was, hier und da, gelegentlich. Doch von der großen strukturellen Sinnfrage, die der Tom da mal ganz privat losgetreten hat, wurden seine Klangkörper eher kalt erwischt.

‚Ist das Kunst oder kann das weg?‘ geht ein gern zitiertes Bonmot: Die Putzkraft, die den Beuys entsorgt. Was, wenn der Konsens, der im „oder“ steckt, nicht mehr gilt? ‚Ist ja vielleicht Kunst, kann aber auch weg?‘ – Für die anstehende, dringende, harte Diskussion um den Sinn und die zeitgemäße Formulierung eines öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags scheint der WDR mit seinem Noch-Intendanten nicht eben gut aufgestellt. Wobei er intern schon gezeigt hat, dass er dichtmachen kann: Als eine seine ersten Amtshandlungen schloss Thomas „Tom“ Buhrow 2013 die gutsortierte Senderbibliothek. Ein unschätzbares Recherche-Tool, tiefer als dpa und Wikipedia. Das konnte schonmal weg. Und kam nicht wieder. ¶

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