THE SOCIETY OF MUSIC: 29. April 2020

Musica ricercata: Ligetis Flaschenpost

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Holger Noltze
Holger Noltze
29.04.2020

Am vergangenen Sonntag spielte Pierre-Laurent Aimard, live und allein, Beethoven und Ligeti, Bergs Sonate und Benjamins Shadowlines im leeren Saal des Konzerthauses in Dortmund. In der Pause sprach er über das merkwürdige Zeitgefühl, in das uns der Big Lockdown geworfen hat. Er sprach darüber, dass der Stress und die Ängste, mit denen wir gerade umgehen müssen, dazu führen, dass unsere Fähigkeit zur Konzentration, die Aufmerksamkeitsspannen, sich eben nicht einfach vergrößern. Dass er deshalb, im ersten Teil dieses sehr bedachten Programms, Beethovens Bagatellen im Wechsel mit den elf Nummern von György Ligetis Musica ricercata spiele: kurze Stücke, konzentrierte Mitteilungen – Flaschenpost aus Umbruchzeiten, Anfang des 19. Jahrhunderts, Mitte des 20., bedeutsam für uns, heute.

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Der Pianist Pierre-Laurent Aimard spielte live und allein im Konzerthaus Dortmund.

(Foto: Screenshot)

Anfang der 1950er Jahre war Ligeti Dozent für Kontrapunkt am Budapester Konservatorium, ein Musikangestellter in einem repressiven System, das ihm die öffentliche Entfaltung seiner Kunst abschnitt, eine andere Form des Lockdown. Die elf funkelnden Wunderwerke der Musica ricercata sind eine Reaktion darauf. Der Musikwissenschaftler Ulrich Dibelius nannte sie eine „asketisch-eremitenhafte Selbsterkundung“: Ein Ton-für-Ton-Buchstabieren am Klavier, die Suche nach der eigenen Sprache, nach dem Richtigen im Falschen. Ein neues Anfangen, jenseits aller Routinen, nicht nur der des musikalischen Betriebs.

Ein Ton-für-Ton-Buchstabieren am Klavier: György Ligetis „Musica ricercata“.

Aimard, höchst konzentriert im leeren Saal, schlug den Bogen von da nicht nur zu den Geistesblitzgewittern von Beethovens Bagatellen, sondern sehr genau auch zu unserer seltsamen Gegenwart, in der wir in so vielen Belangen das Buchstabieren neu lernen müssen. Im Sozialen, im Ökonomischen, und nicht zuletzt auch in der Wahrnehmung von Musik. Ligetis Musica ricercata war eine sehr gute Wahl.
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