THE SOCIETY OF MUSIC: 14. September 2022

Himmel über Grafenegg

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Holger Noltze
Holger Noltze
14.09.2022

Überm Sternenzelt, singt es aus Beethovens Menschheit, muss ein lieber Vater wohnen. Das wollen wir hoffen, denn derzeit erfahren wir IHN, oder SIE sofern es doch eine Mutter ist und sofern dort oben überhaupt jemand wohnt, vor allem streng. Europa erlebt eine Jahrhundertdürre, und vielen dämmert es: Das ist Klima, nicht einfach Wetter. So fährt man an traurig verdorrten Sonnenblumen vorbei, an vertrockneten Wiesen, an einer flachfließenden Donau, zum Festival nach Grafenegg, Niederösterreich zwischen Krems und Tulln, eine Stunde nur von Wien. Zieht sein Rollköfferchen vom Bahnhof Wagram am Wagram noch zwei Kilometer schnurstracks durch graue Felder, wie im amerikanischen Roadmovie, tritt durchs Parktor – und steht in einer anderen Welt. Weite sattgrüne Rasenflächen, prachtvoll alter Baumbestand um ein Märchenschloss, romantischer Historismus, neben einer architekturkubistischen Großskulptur als Open-air-Konzertraum, genannt „Wolkenturm“. Von Wolken diesen Sommer, in dem wieder viel Musik spielt beim Grafenegg Festival, kaum eine Spur. Die meisten der Liegestühle, die lose über die Rasenweite verteilt sind, suchen Schatten, immerhin: Es gibt ihn.

WT02 Graf01 Foto Klaus Vyhnalek

Der "Wolkenturm" in Grafenegg.

(Foto: Klaus Vyhnalek)

Die Konzerte, gerade ein Gastspiel des London Symphony Orchestra mit Sir Simon, beginnen meist um Viertel nach Sieben, so erlebt man synchron zum Flow der Musik das Eintreten der Dämmerung, am Ende ist es dunkel, man hört zu und in sich hinein und schaut dabei, mittlerweile abgekühlt, in den Sternenhimmel. Wohnt da wohl wer? Und kommt da was an von der beseelt gespielten Siebten Symphonie von Sibelius, den grandiosen und tief melancholischen Aufgang am Anfang, selbst eine Himmelsleiter, eine Seelenmusik für den Sir, das merkt man.

Gespräch mit Philipp Stein, Geschäftsführer in Grafenegg, neben dem Spiritus Rector Rudolf Buchbinder. Stein ist einer, der über die Widersprüche des Musikbetriebs nachdenkt, auch seines eigenen. Dass die grüne Oase nur durch Bewässerung erhalten bleibt, und dass sein Publikum zur Musik doch meist mit dem Auto kommt, trotz der guten Zugverbindung nach Wien. Das Schöne hat seinen Preis, hier wie überall, aber in der Wunderkulisse von Grafenegg wird besonders deutlich: Die Ermöglichung symphonischer Klangsensationen in einer Naturidylle ist an Voraussetzungen gebunden, die der Botschaft der Kunst, etwa: die Utopie einer Versöhnung von Mensch und Natur, entgegenstehen, wir leben auf dem immensen Schuldenberg einer fossilen Kultur. Die meisten wissen es längst. Sie wird enden.

Spricht das gegen Sibelius im Park? Ich glaube nicht. Es liegt an uns, das Schöne bloß als Verschönerung, zynisch als Soundtrack einer untergehenden Welt zu nehmen. Oder als das, wovon große Kunst handelt, als Erinnerung, als fundamentale Vergewisserung, worum es eigentlich geht. Sir Simon, wenn man ihm zuhört, wie er über das Musikmachen in Zeiten des Krieges spricht, weiß es. Auch das macht ihn zu dem großen Musiker, der er ist. Den Blick zum Sternenzelt: Wir haben ihn gelegentlich sehr nötig. Um desto klarer zu sehen, was um uns geschieht. ¶

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