THE SOCIETY OF MUSIC: 12. Februar 2020

Geht doch: Beethoven-Beschwörungen

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Holger Noltze
Holger Noltze
12.02.2020

Weil ja an dieser Stelle schon zum Beginn des Beethoven-Jahres das Phänomen vorauseilender Ermüdung bekrittelt wurde, muss und soll nun auch berichtet werden, wie der große Genius des „weiter gehn“ anscheinend doch, neben allerhand Erwartbarem bis annähernd Blödsinnigem (tränentriefenden Ergießungen musikliebender pünktlicher Beethovenfreundinnen im deutschen Radio DLF), auch ohrenöffnend Inspiriertes geboten wird. Vielleicht war es ein Zufall im Jubiläumskalender, jedenfalls gerieten Thomas Hengelbrocks Re-enactment der epochalen Beethoven-Akademie vom 22. Dezember 1808 mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble und dem Hammerflügelvirtuosen Kristian Bezuidenhout und die Beethoven-Séance des Gürzenich-Orchesters Köln unter François-Xavier Roth eben in unmittelbare zeitliche und geographische Nachbarschaft, für mich Glücklichen, denn ich konnte zweimal dabei sein, und das war schon ein Glück.

Hengelbrock AkademiecPascal Amos Rest 5

Das Re-enactment der Beethoven-Akademie vom 22. Dezember 1808 im Konzerthaus Dortmund.

(Foto: Pascal Amos Rest)

Denn hier gaben sich, ohne Verabredung, es sei denn durch den (kritisierten) Feier-Imperativ erzwungen, zwei Konzepte die Hand, die von zwei entgegengesetzten Richtungen auf den Kern der großen Sache Beethoven zielten: Hengelbrocks historisch informierte Passion, die nicht nur dieses riesige Programm ins Gedächtnis brachte (wie zuvor Philippe Jordan mit den Wiener Symphonikern), mit dem der Komponist das Publikum Weihnachten 1808 im eiskalten Theater an der Wien überforderte – sondern zu einem euphorisch glücklichen Ende brachte, was damals beinah im Desaster geendet war: als die final-triumphale Chorfantasie op. 80 nach einem Schmiss und Wutanfall des Komponisten am Klavier neu gestartet werden musste. In Dortmunds Konzerthaus ging nicht nur (beinah) alles gut; Hengelbrocks straffe Führung durch das lange Programm legte auch dessen dramaturgische Kühnheit frei – weit mehr als bloß ein XXL-Beethoven-Schaufenster, sondern ein Panorama des Unerhörten. Es teilt ja diese „Akademie“ von 1808 die Weltgeschichte in eine lange Zeit davor, ohne Pastorale und das Jatata-taa der Fünften und eine vergleichsweise kurze, in der wir diese alles verändernden Musiken hören dürfen.

Und zwei Tage später dann, und gestern Abend live auf takt1, Roths Kölner Beethoven-Séance, als andersherum, nämlich zeitgenössisch informierter Blick aufs angeblich Bekannte. Ausschnitte der Ersten, Vierten, Fünften, Siebten, Pierre-Laurent Aimard mit Emperor und op. 111 und einer auf drei Klavieren als Raummusik inszenierten Mondscheinsonate, das Ganze als komponierte Verlängerungen des Avantgardisten Beethoven in die Klangwelten eines Helmut Lachenmann, zu Bernd Alois Zimmermanns gewaltigem Photoptosis von 1968 und, dem Anlass angemessen, neuen Stücken von Isabel Mundry und Francesco Filidei. Der Geist Beethovens, beschworen nicht als Zombie einer Jubiläumsindustrie, sondern als Treibstoff des Weitergehens. ¶

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