THE SOCIETY OF MUSIC: 4. Januar 2023

Ein Jahr für Musik?

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Holger Noltze
Holger Noltze
04.01.2023

Inzwischen ist ja auch erforscht, dass und wie die Dauerbeschallung mit schlechten Nachrichten uns mürbe macht. Krieg, Klima, Korruption: Krisen von allen Seiten, und allein die Liste der K-Wörter ließe sich verlängern. Kälte zum Beispiel. Meine Universität hat diese Woche noch für den Lehrbetrieb in Präsenz geschlossen, um – vernünftigerweise – Heizenergie zu sparen. Jetzt sehe ich meine Studierenden wieder nur als digitale Kacheln, wie zu Corona-Lockdowns. Ein kurzer Blick auf die, die gerade in Schutzkellern oder U-Bahn-Schächten frieren, in Kiew oder Odessa oder Cherson, die ohne Strom und Wasser und Heizung durchhalten in ihrem überfallenen Land, verbietet jedes Jammern, aber auch hierzulande, unter ungleich kommoderen Bedingungen, sehen wir Elend, mindestens Überforderung, die Erschöpfung, all die Katastrophen der Welt überhaupt noch angemessen zur Kenntnis zu nehmen. Wir sind, am Ende dieses und dem Beginn des neuen Jahres, geschafft.

kiew metro

Dient derzeit als Luftschutzbunker: Die Kiewer U-Bahn.

(Foto: Getty Images)

Auch im Kultur- und Musikbetrieb machen sich Beklommenheiten breit. Kommt das Publikum zurück in die Konzert- und Opernhäuser, nach den nie dagewesenen Schließphasen? Kann ein Theater die unerwarteten Defizite durch explodierende Heizkosten noch stemmen, können prekär beschäftigte Künstler ihre Gasrechnungen noch bezahlen? Und grundsätzlicher: Wird „Kultur“ noch auf einen gesellschaftlichen Konsens bauen dürfen, dass Musik, Theater, Museen, Literatur, in Deutschland der „Kulturauftrag“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wesentlich sind für ein Gemeinwesen?

Wo alle kleinere Brötchen backen müssen (nicht alle, es gibt ja auch Krisengewinner), wo die Zeiten selbstverständlichen Wachstums vorbei sind, werden auch die Infrastrukturen zur Herstellung und Bereitstellung von Kunst ihren Teil an den Kosten der großen Transformation leisten müssen – wo es denn möglich ist. Mir scheint wichtig, dass die anstehende „Verteidigung“ von „Kultur“ und Musik nicht mit einem trotzigen Weiter-So verwechselt wird. Vor allem aber: Dass wir uns über den Wert, zum Beispiel von Musik, neu und ehrlich verständigen. Dass einem intellektuell bodenständigen Senderintendanten keine Antwort auf die Frage einfällt, warum es Rundfunkorchester geben soll, heißt ja nicht, dass es diese Antwort nicht gibt. Aber „weil es geht“, wird nicht reichen.

Eben weil gerade so viel so wichtig ist, existenziell, sollten die, denen Musik als Kunst nicht nur persönlich etwas bedeutet, sondern weil sie wichtig ist für diese Gesellschaft und ihre tiefe Bedürftigkeit – nach Sinn, Schönheit, Trost, Inspiration – dieses Jahr 23 des 21. Jahrhunderts als ein Jahr der Musik feiern. Nicht weil sie einfach da ist, sondern als Geschenk. Und sie nicht von der Agenda nehmen. Im Gegenteil. ¶

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