THE SOCIETY OF MUSIC: 20. Juli 2022

Drag Queens meeting Mr. J

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Holger Noltze
Holger Noltze
20.07.2022

Wie und warum immer sie dahin gekommen waren, spielt eigentlich keine Rolle. Schon bevor Janáčeks Příhody lišky Bystroušky, mit unverwüstlich deutschem Titel Das schlaue Füchslein, bei den Münchener Opernfestspielen über die Bühne ging, hatte eine sehr bunte Gruppe von Drag Queens (und -Kings) schon die Riesentreppe des Münchener Nationaltheaters zur Bühne gemacht; wie bald danach auch die Königsloge hinten oben in der Mitte. Lustig winkten die Königinnen ins übliche Volk im Parkett und zu den Musiker*innen des Bayerischen Staatsorchesters. Es wurde viel zurückgewunken, vom Publikum wie auch aus dem Orchester, mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Verunsicherung. Der ungewöhnliche Auftritt hob die Stimmung jedenfalls allgemein, und erinnerte daran, dass in der längeren Geschichte der Oper auch der Zuschauerraum eine Bühne war.

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Hoheitlicher Besuch im Münchener Nationaltheater.

(Foto: Martina Borsche)

Keine der König*innen, war zu hören, hatte je ein Opernhaus von innen gesehen. Umso schöner die Selbstverständlichkeit, mit der sie den Raum, von der Zentralloge aus, vergnügt in Besitz nahmen. Barrie Koskys witzige, traurige Inszenierung vom Leben und Sterben des Füchslein Schlaukopf, war bestimmt eine gute Wahl für diesen Erstkontakt, Kosky-like mit allerhand Blingbling und vergnügten Unanständigkeiten und Queerness in seiner Lesart. Die Unanständigkeiten stehen übrigens fast alle im Text. Der nun allerdings, das geht bei Janáček nicht anders und muss so sein, im tschechischen Original zu hören war. Tschechisch ist nun für Nicht-Tschechen meist eine echte Erfahrung von Andersheit. So auch hier, so bestimmt aber auch für die Mehrheit des Festspielpublikums im Parkett, den Kopf im Nacken zum Lesen der Übertitel, man versteht ja sonst gar nichts.

Das Schöne an diesem Abend war die freundliche Gelassenheit, mit der hier (beinah) allerseits mit den vielfältigen Fremdheitserfahrungen: Tschechisch, Janáček, Oper überhaupt, Drag-Glamour, Heteronormativität usw. umgegangen wurde. Der Aufführung hat das gutgetan, die Diven aus der König*innenloge zeigten sich berührt vom Tod des Füchsleins und dem großen Vergänglichkeitsgesang des Försters.

Am Ende, mit einem Aperol Spritz auf der Apollon Stufenbar und mit Blick ins abendlich leuchtende München, der Gedanke: Es könnte so schön sein, die Oper als Ort der heiteren Begegnung mit dem Anderen in jedweder Gestalt. Sprachen, Töne, Bilder, Geschichten, Gender. Jeder Mensch ein König, hat Serge Dorny sein erstes Intendanzjahr in München überschrieben. Sollte unbedingt gelten auch für Queens. ¶

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