THE SOCIETY OF MUSIC: 9. November 2022

Die Schule der Liebenden und das Leben

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Holger Noltze
Holger Noltze
09.11.2022

Così fan tutte war eben mit der allgemeinen Betretenheit ausgegangen, die in diesem Fall unvermeidlich ist. Zwei junge Liebende, die, herausgefordert von einem alten Philosophen, auf die Treue ihrer Geliebten wetten und die Wette, einer früher, einer wenig später, krachend verlieren. Denn beide jungen Frauen geben ihren Widerstand gegen das Liebeswerben ihrer auch noch schlecht als unbekannte Albaner verkleideten Verlobten bald auf, und das noch überkreuz. So stehen auch die Eroberer am Ende als Betrogene da, „zerrupfte Krähen“ (Don Alfonso, der Philosoph) allesamt.

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Christian Gerhaher als Don Alfonso in München.

(Foto: Wilfried Hösl)

„Die Schule der Liebenden“ haben Mozart und Da Ponte ihre Lektion in Desillusionierung genannt, und es ist, in der neuen Münchener Cosí, sehr heutig inszeniert von dem australischen Regisseur Benedict Andrews, eine harte Schule. Es gibt darin aber auch was zu lernen: dass wir Liebenden, Zweifelnden uns als die mehr oder weniger zerrupften Krähen erkennen könnten, die wir, jenseits der Traumschlösser und Projektionen, sind. Eine noch mit Mozartmusik bittere Pille. Einem wie Beethoven war die ganze Oper ein Graus, er musste ja Fidelio komponieren, ossia „Der Triumph der ehelichen Liebe“. Bei Mozart nichts von Triumph, so gar nicht.

Nach der Oper beim Lieblingsinder, und am Nebentisch ereignet sich, wie ein unwahrscheinlicher Spiegel, die Fortsetzung von Mozarts Liebesschule in der Wirklichkeit. Als sei die Oper ins Leben übergeschwappt. Es ist, auch dem diskreten Seitenblick nicht übersehbar, der Moment, als er ihr klar macht, freundlich ihre Hände haltend, dass aus den beiden nichts werden wird. Sie hat sich hübsch gemacht für den Wuschelkopf, und die Enttäuschung trifft sie plötzlich. So werde ich Zeuge des traurigen Moments, als sie gerade noch einmal alles in einen tiefen Blick legt, und vielleicht wird sie nie hübscher aussehen als in diesem Moment. Dann die Trauer der Erkenntnis: Es soll nicht sein. Man hält Haltung. Es wird schnell gezahlt, exeunt.

Die Welt hat gerade eine Menge anderer Sorgen, aber das kleine Drama am Nebentisch ist darum, Mozart im Nachklang, überhaupt keine Kleinigkeit für die zerrupften Krähen, die wir – mehr oder weniger – sind, so oder so, allesamt. ¶

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