THE SOCIETY OF MUSIC: 20. Oktober 2021

Die Freiheit der Kunst

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Holger Noltze
Holger Noltze
20.10.2021

Der Fall des prominenten russischen Film- und Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow erregte die Feuilletons und beschäftigte sogar die oberste politische Ebene. Wegen des Vorwurfs der Veruntreuung öffentlicher Mittel wurde er 2017 von russischen Behörden verhaftet und später verurteilt. Es wurde als Versuch der Einschüchterung gedeutet. Denn die Sache war juristisch wohl eine Farce und Serebrennikow – wegen etwa eines Tschaikowsky-Filmprojekts, dem die Fördergelder gestrichen wurden, weil die russische Kulturpolitik den Komponisten nicht als schwul sehen mochte – ohnehin im Fokus der Autoritäten. Die Strafe hält ihn nun in Moskau fest und hätte seine internationale Regiearbeit eigentlich unmöglich gemacht. Es waren aber etwa eine Così in Zürich und zuletzt ein Parsifal in Wien doch realisierbar, Zoom sei Dank. Wagners Bühnenweihfestspiel sah man selten düsterer, als einen russischen Gefängnisalptraum. Gerade fernsteuert Serebrennikow eine Inszenierung von Schostakowitschs früher Oper Die Nase an der Bayerischen Staatsoper aus seiner Wohnung, und man kann auch das als ein Politikum und vielleicht Menetekel verstehen.

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Rebell mit Grund: Kirill Serebrennikow.

(Foto: Werner Kmetitsch)

Dass Serge Dorny seine Intendanz im verwöhnten München gerade mit diesem Stück anfängt, mit Schostakowitschs wütend-sarkastisch-komischem Jung-Geniestreich nach Gogol, markiert schon einen Neuanfang. Um die Nase hat man am größten deutschen Opernhaus bis heute einen Bogen gemacht, vielleicht weil das Stück (je nach Zählung) 78 Rollen enthält, oder weil es der Münchener Idee von „Oper“ eher weniger entspricht. Es geht darin um den Major Kowaljow, der eines Morgens feststellt, dass ihm seine Nase abhanden gekommen ist und der ihr nun durch eine korrupte, spießige, brutale St. Petersburger Gesellschaft nachläuft, es geht aber immer alles schief und am Ende war es vielleicht nur ein schlechter Traum, man weiß es aber nicht genau. Die Musik des 22-jährigen Schostakowitsch ist wild und neu, da will einer zeigen was er kann und was er will, nämlich alles anders als die romantische Opernkonvention. Mit der Nase anzufangen ist also ein Statement.

Und dass gerade Serebrennikow diese erste Neuproduktion im Nationaltheater inszeniert, wie man hört in einem kalten, grauen St. Petersburg mit viel Polizei, auch das sendet ein Zeichen. Es erinnert daran, dass die Freiheit der Kunst ein fragiles Gut ist, keine Selbstverständlichkeit. Wir wissen, wie kompliziert doppelbödig Schostakowitschs künstlerischer Weg nach der Nase weiterging, unter den Bedingungen der stalinistischen Kulturpolitik, immer am Rande eines so oder so Erlaubten.

Wie nah ihm Schostakowitschs Situation sei, eingeklemmt zwischen Kunst und Politik, frage ich Serebrennikow, via Zoom. Er wolle das keineswegs vergleichen, sagt er, und dann: Let’s talk about that later. Gut. 

 

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