THE SOCIETY OF MUSIC: 22. Juli 2020

Das noch nie so unmögliche Kunstwerk

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Holger Noltze
Holger Noltze
22.07.2020

Ich gehöre gar nicht zu den hauptamtlichen Opernkritikern, die ihr halbes Leben unterwegs sind, jeden zweiten Abend im Parkett irgendwo zwischen Wien, Mailand, München, Gelsenkirchen. Aber halbamtlich mache ich gern mit und berichte für die ehrwürdige, elegante, im besten Sinn ernsthafte Opernwelt, engagiert in der differenzierten Betrachtung des Musiktheaters als ästhetischer Erfahrung und der liebenden Betrachtung seiner Akteure. Einmal im Jahr zieht die Opernwelt Bilanz und fragt all ihre kritischen Satelliten: Was habt ihr Gutes, Herausragendes gesehen und gehört, was hat Euch überwältigt, verstört oder geärgert, wo war das spannendste Bühnenbild, waren die besten Kostüme zu sehen, und so weiter, eine Unmenge von Kategorien.

Max Bruckner Otto Henning Richard Wagner Final scene of Gotterdammerung crop

Operndämmerung? Walhall in Brand, Schlussbild zur Bayreuther Ring-Inszenierung 1896, Replikation von Otto Henning des Entwurfs von Max Brückner (1836-1919).

(Foto: Public Domain)

Eben war Abgabe fürs Voting, und ich denke nicht nur ich als Gelegenheitsbeiträger fand mich in Verlegenheit, auch wenn die Redaktion die „digitale Rezeption“ diesmal ausdrücklich erlaubte. Für die Oper war das Streaming nämlich keine Lösung, auch wenn allerhand Konserven in die Welt geschickt wurden und werden. Denn anders als im Konzertbetrieb, der zunächst auf Kammerformate, inzwischen auf luftige Aufstellungen immerhin schon von Beethoven-Orchestern vor luftig besetzten Reihen im Parkett ausweichen konnte, hat der große Lockdown den Live-Opernbetrieb härter erwischt: Wimmelndes Geschehen auf der Bühne mit Chor, Solisten und Statisten, ein eng besetzter Graben, geballte vokale Wucht in den Saal voller Risikogruppen projiziert – eine Herausforderung für Hygienemaßnahmen, die, wir erleben es gerade, vermutlich doch einen Unterschied machen. Auf die Effekte us-amerikanischer oder brasilianischer Lockerheiten mag ich aus europäischer Sicht jedenfalls gern verzichten.

Aber nicht auf Oper. In deutschen Zeitungen war dieser Woche zu lesen: Die Hoffnungen auf den Impfstoff, auf ein Danach wie früher, sinken. Das ändert die Perspektive. Es geht nicht mehr um eine Atempause für den sowieso überhitzten Betrieb, die mancher womöglich still begrüßt hat. Jetzt geht es darum, für die hygienekonzeptuell heikle wie künstlerisch fragile Kunstform Oper neue Wege ihrer Ermöglichung zu finden. Sonst folgt der Frage: Was geht? bald die andere: Was bleibt?

Man muss sich sorgen, um die mehr denn je „unmögliche“ (so nannte sie einst Oskar Bie) Kunst der Oper, um ihre Kritikerinnen und Kritiker, auch um die Opernwelt. Und dass das musikalische Theater so viel Erfahrung im Umgang mit Untergängen hat, ist nur ein schwacher Trost. ¶

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