THE SOCIETY OF MUSIC: 17. August 2022

Bravobrüllerei

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Holger Noltze
Holger Noltze
17.08.2022

Festspielsommer '22. Bayreuth, bloß eine Durchreise bei Starkregen, nach der gefühlt endlosen Hitze und Trockenheit eine ersehnte Abkühlung. Und einmal mehr, ganz abgesehen von den saisonzuverlässigen Aufregungen, den lang geübten Medienreflexen, diese speziell fränkische Tristesse und Schwere. In Salzburg dann luftige Leichtigkeit des Seins, unerhörter Überschuss von Schönheit, der Gegensatz könnte kaum krasser sein. Auch der Widerspruch zur Weltlage. Man freut sich einer wiedergefundenen Normalität und ahnt, dass es keine ist.

Gespräch mit dem Geschäftsführer über diese seltsame Gleichzeitigkeit von Festspielen, Krieg und Krisen. Fühlt er ein Unbehagen in der Kultur? – Die Beschäftigung mit der Geschichte der Festspiele, gerade zum Hundertjahr-Jubiläum, habe ihn gelehrt, wie sich dieser Ort der Kunst von Anfang an gegen die Krisen des Jahrhunderts behaupten musste. So könne man der Gegenwart mit einer gewissen Resilienz begegnen. Von einem Unbehagen in der (Festspiel-)Kultur würde er nicht sprechen, trotz aller Schwierigkeiten. Kein Lamento! Immerhin, das Publikum ist wieder da, das ist nicht überall so. Hoffentlich ist Salzburg Avantgarde, das könnte vielleicht ein paar traurigen Intendanten, die sich gerade sorgen, Mut machen.

Klingt Orffs spätdunkles „Spiel vom Ende der Zeiten“ De temporum fine comoedia, mit dem der Festspieljahrgang eröffnet wurde, heute anders, wo der Weltuntergang ein Nachrichtenthema geworden ist? Und was will uns das sagen? Danach gehören die riesenweiten Bühnen der Felsenreitschule und des Großen Festspielhauses und die kleinere des Haus für Mozart drei außerordentlichen Frauen. Janáčeks Kat’a Kabanova, die aus dem Eheelend in eine verbotene Liebe ausbricht und sich am Ende in der Wolga ertränkt. Bei Barrie Kosky sieht man keinen Fluss, dafür eine anonyme Menschenmasse, die dem Drama der Kat‘a den Rücken kehrt. Die amerikanische Sopranistin Corinne Winters kreiert sie als eine Elementarkraft von Zartheit: Die Felswände, gegen die sie anrennt, müssten eigentlich weich werden. Dass sie es nicht tun, eben davon handelt Janáčeks große Kunst, Menschen zu zeigen und sich in sublimem Gesang doch sehr direkt auszusprechen.

asmik grigorian

Asmik Grigorian als gepeinigte Angelica bei den Salzburger Festspielen.

(Foto: Barbara Gindl)

Tags darauf macht die vulkanhafte Energie und immer noch vokale Souveränität der Cecilia Bartoli aus Rolando Villazons Pointendauerfeuerwerk in Rossinis Barbiere mehr als nur eine Gaudi. Und natürlich ist Asmik Grigorian das Zentrum des Puccini-Dreierpacks Il trittico. Der Regisseur Christof Loy stellte die hier eher gedimmt lustige Erbensatire vom guten Gauner Gianni Schicchi an den Anfang und die Himmelfahrt der Suor Angelica ans Ende. Als der Angelica in der Agonie da ihr gestorbenes Kind erscheint, öffnet Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern den Himmel, und Loy lässt da wahrhaftig einen kleinen Jungen zur Mama kommen. „Vollkitsch. Total irrational. Dank Puccinis Musik wird daraus reales, echtes Glück“, schreibt Eleonore Büning in einem schönen Salzburgkunstreisebericht in van, und da hat sie‘s getroffen.

So endet auch dieser Abend mit dem Tod einer Frau, die in der Welt, wie sie ist, nicht mehr weiterleben konnte. Diese Welt meldet sich dann mit brutaler Promptheit zurück, sie kann auch den allerkürzesten Moment der Stille nicht aushalten und brüllt ihr Bravo stumpf zurück, wo eben eine außerordentliche Sängerin eine Grenzerfahrung zu teilen bereit war.

Man kann die Oper lieben, und den eruptiven Ausbruch von Jubel, wenn Sekunden zuvor wieder einmal eine Kat’a, oder Angelica, (oder Traviata, oder Aida, oder Tosca) zu Tode gekommen ist, immer noch verstörend finden. ¶

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