THE SOCIETY OF MUSIC: 29. Juli 2020

Bayreuth ohne Murmeltier

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Holger Noltze
Holger Noltze
29.07.2020

Letzten Samstag war der 25. Juli. Für viele ein Hochsommertag wie andere, für das Wagnervolk ein Feiertag, denn ganz gleich auf welchen Wochentag dieser 25. fällt, es ist der Tag der Eröffnung der Bayreuther Festspiele, Punkt 16 Uhr geht drinnen dann das Licht aus (nur beim Holländer erst um 18 Uhr), draußen schwitzen am roten Teppich die Schaulustigen und gescheiterten Last-Minute-Kartensucher, alles Teil eines gewaltigen Rituals, mit Kanzlerin und dem vorangehenden Mediengetuschel und -gemauschel. Es fiel ja immer so praktisch in die einst nachrichtenarme Sommerzeit, dass sich eine breitere Öffentlichkeit für ein paar Wochen wirklich für die Querelen der Wagner-Cousinen oder prominente Absagen von Regisseuren und Sängerinnen interessieren konnte. So viele Jahre war ich Beobachter (natürlich auch Teil) dieses gesellschaftlichen, künstlerischen, kulturpolitischen Rituals, dass ich manchmal kaum zu sagen wusste, ob es dieses oder letztes Jahr war, es grüßte das Murmeltier, lief wie geschmiert, und es war alles gut.

Und nun: Abgesagt. Beziehungsweise, wie die Website der Festspiele es bezeichnet: „verschoben“. Verschoben projiziert die Hoffnung der Wagnerwelt auf ein Danach und dann wieder Weiter-So. Die Wagnerianer glauben also, wie das Volk von Brabant an den Schwanenritter, und wir ahnen ja doch, dass es mit der Erlösung nichts werden wird. Christian Thielemann dirigierte am Samstag um 16 Uhr im Salon der Villa Wahnfried ein kleines Potpourri, Camilla Nylund sang Wesendonck-Lieder, ein Festspiel-Salon-Orchester spielte Siegfried-Idyll. Das Eröffnungs- als Abschlusskonzert. Eine Ersatzhandlung. Ein Zeichen, nannte es Musikdirektor Thielemann; bestimmt, aber was will es sagen?

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Auch das Murmeltier hält gerne an alten Gewohnheiten fest.

Zur Aussetzung des robustesten aller Rituale im deutschen Kulturbetrieb, vielleicht sogar im Welt-Klassik-Betrieb brauchte es früher Weltkriege, heute hebelt das Virus die Gesetze der Wagner-Schwerkraft aus. Es liegt nah, das Narrativ vom Disruptiven als Chance zu bemühen. Davon liest und hört man ja gerade viel, es hat auch was Verzweifeltes. Die Absage des Festspieljahrgangs 2020, die Krankheit der Festspielleiterin, der Tod des langjährigen Pressechefs: Zusammengenommen sind es Zeichen einer Zeitenwende, und das Danach ist ein sehr offener Raum. ¶

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