THE SOCIETY OF MUSIC: 22. Februar 2023

Am Ärmel der Kunst

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Holger Noltze
Holger Noltze
22.02.2023

In der Sache gibt es kaum etwas zu diskutieren. Eine Kritikerin im Pausenraum mit Hundekot anzugreifen ist jenseits von allem – das gesteht sogar der durchgedrehte Ballettchef zu, inzwischen fristlos und „einvernehmlich“ aus dem Amt befördert. In einer langen Erklärung versucht die Intendantin, alles richtig zu machen, allem gerecht zu werden, dem öffentlichen Zorn, aber auch dem Menschen und Künstler und seinem Werk, natürlich dem Opfer der Attacke. Dass sie, neben deutlichen Worten, in diesem Zusammenhang auch von einem „unüberlegten Übergriff“ schreibt, gehört in die eher weniger überlegte Stanzenrhetorik nach schlimmen Ereignissen. Wenn von „feigen“ Anschlägen die Rede ist: was wäre gewonnen, wenn sie „mutig“ ausgeführt worden wären; was, wenn der Choreograph „überlegt“ gehandelt hätte. Immerhin trug er ja eine Tüte mit der Tatwaffe bei sich. Ist das eigentlich üblich unter Hundefreunden?

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Die Kritik als "Scheiße am Ärmel der Kunst"? 

(Foto: Public Domain)

Aber auch die sicher gut gemeinte Trennung von Mensch, Künstler, Chef usw. regt zum Nachdenken an. Sie folgt dem geübten Verfahren einer Art Mülltrennung, in den nicht so seltenen Fällen, wenn geschätzte Künstler sich als Ekel oder Schlimmeres erweisen. Dem Kontrollverlust, der Verletzung grundlegender Spielregeln eines zivilisierten Miteinanders steht eben die große künstlerische Leistung gegenüber. Mir scheint dahinter der Reflex einer immer noch tiefwurzelnden Genie-Auffassung zu stecken. Das Genie darf auch nicht alles, aber es ist eben Genie. Vielleicht können wir diese Vorstellung des 18./19. Jahrhunderts im 21. Mal freundlich verabschieden?

Auch auf Seiten des Beschmutzers könnte eine überständige Vorstellung von der Gegenseite eine Rolle spielen: Die Kritik als Feind der „echten“ Kunst. Dem Konzept des Geniekünstlers steht die Hypertrophie des „Kritikerpapsts“ gegenüber. Als Päpstin wird sich die angegriffene Kritikerin sicher nicht sehen. Im Übrigen war der Text, der den Künstler zum Ausrasten brachte, keine „Vernichtung“, sondern höchstens polemisch pointiert, sie fand an der Arbeit aber sogar etwas „toll“, bloß keinen Zusammenhang.

Sprechen wir über einen Einzelfall? Einerseits ja. Doch erst der aktuelle Fall von Kritikerbeschmutzung spülte eine zwei Jahre alte Formulierung der Hamburger Theaterintendantin und Regisseurin Karin Beier nach oben, in einem Radio-Interview bezeichnete sie Kritik als „Sch***e am Ärmel der Kunst“. Sie hatte kein Tütchen dabei, um ihre These anschaulich zu machen, aber das macht es nicht viel besser.

Man kann sich, mit Gründen, über unsachverständige Kritik oder „die Medien“ ärgern, Kritik muss kritisiert werden können. Das Bild vom Ärmel der Kunst aber ist so dumpf wie der Stammtisch-Affekt gegen „das Theater“ oder die ewig egomanen Regisseur:innen.

Mich ärgert eine so vorgestrige Haltung, zumal bei einer exponierten Repräsentantin des künstlerischen Betriebs. Meine Idee von Kritik ist eine andere. Sie hat wenig mit dem verstaubten Rollentheater von Genies und Päpsten, aber viel mit Professionalität, Verstehenwollen und Kommunikation zu tun. Dazu andermal mehr. ¶

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