THE SOCIETY OF MUSIC: 14. April 2021

St. Matthäus und Bach, sonst nichts

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Georg Holzer
Georg Holzer
14.04.2021

Nein, ich wollte mir die Matthäus-Passion in diesem Jahr nicht anhören. Ich kenne sie auswendig, kann jede Note in meinem Kopf hören. In ein Konzert wäre ich vielleicht gegangen, wenn das gerade möglich wäre, aber eine Konserve: Nein.

Doch dann kam mein Vater zu Besuch und hatte einen Link im Gepäck: Eine Aufnahme der Matthäus-Passion mit Karl Richter, dem Münchener Bach-Chor und dem Bach-Orchester, entstanden 1971 in einem weiß-nüchternen Fernsehstudio in der Bavaria-Filmstadt in Geiselgasteig. Und von diesem Anblick konnte ich meinen Blick dann einen ganzen Osterabend lang nicht losreißen.

Zugegeben, ich bin familiär vorbelastet. Mein Vater hat fünfzehn Jahre lang unter Karl Richter im Münchener Bach-Chor gesungen, Richters Bach-Aufnahmen schallten jedes Wochenende durchs Wohnzimmer. Eine meiner frühesten Erinnerungen, da war ich fünf: Ich komme morgens in die Küche, mein Vater sitzt traurig in der Ecke, und meine Mutter sagt: „Der Richter ist gestorben.“ Später singe ich selbst im Bach-Chor an die zwanzig Matthäus-Passionen unter Hanns-Martin Schneidt, Peter Schreier, Ralf Otto und Hansjörg Albrecht. Aufführungen, die historisch informiert sind und oft sehr inspiriert. Während Richters Ruhm zwar nicht verblasst, aber langsam zu Musikgeschichte wird, bedeutend, aber nicht mehr sehr lebendig.

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Große Musik, minimalistisch inszeniert, aber eindrucksvoll: Die Matthäus-Passion 1971 mit Karl Richter.

(Foto: Public Domain)

Und dann diese Einspielung. Der Eingangschor wirkt heute fast provozierend langsam. (Merksatz meines Vaters: „Wer es nicht kann, macht es schnell.“) Wann schaltet er endlich einen Gang rauf? Tut er nicht. Mein Vater sagt, das sogar für die damalige Zeit sehr getragene Tempo habe die Zuhörer*innen aus ihrem Alltag reißen sollen, sie auf den Ernst der Unternehmung einstimmen sollen. Und tatsächlich, es funktioniert. Nach dem Kommt, ihr Töchter bin ich entschleunigt und bereit, mich auf die fast dreieinhalb Stunden Bach einzulassen.

Das Bühnenbild ist minimalistisch: Über den Musizierenden hängt flach ein großes Kreuz, ebenso weiß wie der Raum. Hier, so ist die unmissverständliche Botschaft, geht es nur um eben das: das Kreuz und die Musik. Im Bild ist immer derjenige, der die Musik gerade führt: die Solistin, der Chor, der Instrumentalist. Also fast nie Karl Richter. Während sich heutige Bildregisseur*innen vom Pultstar kaum losreißen können, ist er hier das bestimmende, aber fast unsichtbare Zentrum des Geschehens. Wenn er doch einmal im Bild ist, sieht man: Richter dirigiert mit größter Exaktheit (und mit langem Taktstock, wie ihn heute für Bach niemand mehr verwenden würde), doch sein Gesicht regt sich kaum. Ebenso halten es die Solist*innen: Julia Hamari am Rande der Ergriffenheit, aber nie darüber hinaus; Helen Donath wunderschön und mit einem leisen Lächeln auch in Arien des Leidens; Walter Berry vielleicht mit einem kleinen Schalk, als er Welt, geh aus, lass Jesum ein singt. In der Mitte Peter Schreier mit einer abenteuerlichen Brille, der als Evangelist die Passion referiert, klar und klug, ohne sich je in den Vordergrund zu spielen; nicht einmal der bitterlich weinende Petrus verlockt ihn zu einer emotionalen Entgleisung. Die Botschaft ist deutlich: Hier zählen nur die Worte des Matthäus und die Musik, zu der sie Bach inspiriert haben. Das alles ist von vollkommener Uneitelkeit, Ernsthaftigkeit und Konzentration, im Bild, im Ausdruck, in der Musik. Eine Verkündigung ohne Pathos. Ein großer Moment, der einen noch 50 Jahre später in den Bann zieht. ¶

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