THE SOCIETY OF MUSIC: 21. September 2022

Lest die Klassiker: Walter Felsenstein

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Georg Holzer
Georg Holzer
21.09.2022

„Lest die Klassiker!“ Das ist ein alter Spruch aus der Mottenkiste der kommunistischen Bewegung, der besagte, dass gerade junge Menschen sich an den Schriften von Marx, Engels und Lenin bilden sollten. Dadurch, dass der Satz zur Lektüre ellenlanger und stinklangweiliger Konvolute aufrief, ist er zu Recht stark in Verruf geraten. Verkehrt ist er deshalb aber nicht und hat auf den verschiedensten Gebieten seine Berechtigung.

Junge Leute, die sich auch theoretisch mit den Grundlagen des Theaters beschäftigen wollen, quält man seit Jahrzehnten mit Autoren wie Stanislawski, Edward Gordon Craig und Meyerhold, die unserer Zeit nur noch wenig zu sagen haben. Es gibt aber auch Klassiker des Theaters, die sich noch immer lohnen. Einer von ihnen ist Walter Felsenstein, den viele mit guten Gründen für den bedeutendsten Opernregisseur des 20. Jahrhunderts halten.

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Walter Felsenstein (2. v. l.) mit Anny Schlemm, Rita Streich und Gerhard Niese 1949 in der Komischen Oper.

(Foto: Abraham Pisarek / Ullstein)

Felsenstein, der Gründer und für fast 30 Jahre Intendant der Komischen Oper in Berlin (1947-75), hat nicht nur viele Opern auf die Bühne gebracht und unter schwierigen Umständen ein Opernhaus geleitet, sondern auch geschrieben. Nicht allzu viel, aber über die Jahrzehnte ist doch eine Textsammlung entstanden, die vor vielen Jahren in der Edition Suhrkamp erschienen ist (leider ist sie nicht mehr lieferbar). Der Band trägt den Titel Die Pflicht, die Wahrheit zu finden – womit eigentlich schon alles gesagt wäre, denn nur darum ging es Walter Felsenstein: Oper nicht als eine kulinarische Veranstaltung zu betrachten, sondern als eine Kunst, die vom Wesen des Menschseins handelt. Opern-Konventionen sind Felsenstein ein Gräuel. Die einzige Chance, lebendiges Theater zu machen, liegt für ihn darin, dass sich alle Beteiligten einer Inszenierung das Stück ohne Vorurteile und mit totaler Offenheit gemeinsam erarbeiten. Dass sie jeden Satz, den sie singen, so bringen, als wäre er ihnen in diesem Moment eingefallen. Dass sie nichts für selbstverständlich nehmen und keine vermeintlichen Gewissheiten akzeptieren. „Diese rezitierte, aus der Garderobe mitgebrachte fertige Äußerung, die ich dem Partner ins Gesicht schmeiße, ist eine Schweinerei!“ Es geht im Theater nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern darum, gemeinsam die Wahrheit zu finden.

Liest man heute Felsensteins Sätze über die Aufgaben der Oper, geht einem das Herz auf. Umso mehr, als sie von einem Theatermann geschrieben wurden, der genau wusste, dass das Theater hinter solchen Forderungen nur zurückbleiben kann. Aber alleine die Tatsache, dass solche Forderungen in der Welt sind, kann das Theater schon besser machen. Felsenstein richtete seine Kritik aber nicht nur an seine Kolleginnen und Kollegen, sondern auch an das Publikum, das er beschwor, sich nicht mit dem ewig Gleichen zufrieden zu geben und bereit zu sein, sich auch von dem, was man gut zu kennen glaubt, überraschen zu lassen.

Vielleicht war Felsenstein kein liebenswerter Mensch, das waren die wenigsten Intendanten seiner Generation. Aber er war, auch das zeigen seine Schriften, auf rührende Weise aufmerksam. Jeder Inspizient, jede Garderobenfrau, jeder Techniker bekam zum Geburtstag oder zum Ruhestand eine wertschätzende persönliche Notiz des Chefs. Weil, so war seine Überzeugung, Theater nur gut ist, wenn alle daran glauben und für die gemeinsame Sache arbeiten. ¶

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