THE SOCIETY OF MUSIC: 27. Juli 2022

Klassische Wutbürger

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Georg Holzer
Georg Holzer
27.07.2022

Da, wo ich herkomme, gibt es ein beliebtes Sprichwort: „Wer durchs Laub geht, muss das Rauschen ertragen.“ Neudeutsch würde man am ehesten sagen: So was kommt von so was. Im Zusammenhang mit Menschen, die vor anderen Menschen etwas aufführen, Theater, Oper, Musik zum Beispiel, heißt das: Wer auf eine Bühne geht, muss mit Kritik und Widerspruch rechnen, die verletzend sein können, weil man sich eben verletzbar macht, wenn man vor einem Publikum etwas von sich preisgibt, und das tut schließlich jeder, der sich öffentlich und ernsthaft mit Kunstwerken auseinandersetzt.

Kritik ist wichtig, sogar notwendig, weil sie auf Defizite hinweist und uns weiterbringen kann. Aber was ist mit Häme, Beleidigungen, Angriffen unterhalb der Gürtellinie? Klar, würde da jede und jeder von uns sagen, das geht gar nicht. Trotzdem gibt es das, und gar nicht so selten, auch in unserem vermeintlich so zivilisierten Hochkultur-Zirkus.

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Um Beschwerden des Publikums kümmert sich die Dramaturgie.

(Foto: Public Domain)

Fairerweise muss ich zugeben, dass in der langen Zeit, die ich jetzt schon als Adressat von Zuschauerkritik arbeite – denn die Dramaturgie ist die Abteilung, in der die Briefe und Anrufe landen, wenn jemand eine Aufführung oder ein Konzert schrecklich fand –, die Zahl der Schmähungen überschaubar geblieben ist. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass ich fassungslos vor einer Mail oder einem Brief sitze oder mich von einem Anruf noch eine Weile erholen muss, weil sie so niederträchtig sind. Da werden Sängerinnen verunglimpft, Regisseure für Aufenthalte in der Psychiatrie empfohlen und überhaupt alle Künstlerinnen und Künstler für ungebildet, dumm und unfähig erklärt. Auch rassistische Beleidigungen sind zwar selten, aber keine Einzelfälle. Grundregeln von Höflichkeit, Anstand und Respekt werden in die Tonne gehauen, wenn man sich von dem, was auf der Bühne geboten wurde, auf den Schlips getreten fühlt. Dabei sind die, die das schreiben oder sagen, eher nicht die Klientel, die sich ansonsten vor Spielhallen und Getränkemärkten mit Beschimpfungen überzieht, sondern Leute, die meist einen Hochschulabschluss besitzen und im täglichen Leben in Berufen mit hohem Sozialprestige arbeiten.

Nun sind gebildete Menschen sicher nicht die besseren Menschen, sonst wäre unsere Welt nicht in dem Zustand, in den Diplomierte aller Klassen sie geführt haben. Und außerdem: Kunst lebt davon, Emotionen zu wecken, auch solche, die nicht angenehm sind. Sollen die sich nicht auch mal Luft machen? Gehen Menschen nicht ins Fußballstadion, um im Schutz der Masse üble Beleidigungen zu schreien und danach wieder liebenswürdige Zeitgenossen zu sein? Warum sollte das im Opernhaus und im Konzertsaal anders sein? Es gibt soziale Mechanismen, die uns daran hindern, einander real an die Gurgeln zu gehen. Ohne sie könnten wir nicht halbwegs friedlich zusammenleben. Dazu gehört, dass man sich auch mal abreagiert, die Sau rauslässt, und das am besten in Zusammenhängen, die den Charakter eines Spiels haben, wie eben Sport und Kunst. Sicher wäre eine Welt schöner, in der wir ganz und gar darauf verzichten können, einander herabzusetzen. Aber es ist viel besser, sich über eine Operninszenierung in unangemessener Weise zu erregen, als zum Beispiel in sein Nachbarland einzumarschieren. Also sage ich: Beschimpft mich! Denn wer über etwas schimpft, zeigt immerhin, dass es ihm irgendwie wichtig ist. ¶

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