THE SOCIETY OF MUSIC: 15. Dezember 2021

Klassik ohne Glamour

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Georg Holzer
Georg Holzer
15.12.2021

Seit ein paar Wochen hat meine Heimatstadt München einen neuen Konzertsaal. Über ihn wurde so viel geschrieben, dass seine Existenz vermutlich keinem Klassik-Freund in Europa entgangen ist. Dabei ist er nur ein Provisorium, ein Ersatz für die Philharmonie im Kulturzentrum Gasteig, das in den nächsten Jahren saniert werden muss. Doch hört man die Berichte der Augen- und Ohrenzeugen, scheint sich am Ufer der Isar ein Wunder zu ereignen. Ein Konzertsaal in Leichtbauweise, außen Stahl, innen Holz, Planung und Errichtung haben gerade einmal drei Jahre gedauert. Angeblich sieht er gut aus und klingt fantastisch. Kostenpunkt: 43 Millionen Euro, unglaublich wenig also verglichen mit den Projekten, die in den letzten Jahren anderswo realisiert wurden.

Kein Wunder, dass die Klassik-Welt aufhorcht. In Nürnberg, wo ich zurzeit lebe und arbeite, hat die Politik vor ein paar Monaten einen Konzertsaalbau, der 200 Millionen kosten sollte, auf Eis gelegt, weil die Kassen der Stadt nach der Corona-Krise leer sind. Eine Entscheidung übrigens, die außerhalb der „Heavy User“-Gruppe und der betroffenen Orchester eher für Achselzucken als für Empörung gesorgt hat. Nun fragen sich in Nürnberg viele: So ein Saal wie in München, wäre das nicht was? Weltniveau für wenig Geld?

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Der graue Klotz an der Hans-Preißinger-Straße 8 dient als Interims-Gasteig.

(Foto: Andrea Plücke)

Die Sache ist noch unter einem anderen Blickwinkel interessant. In den letzten Jahrzehnten sind Neubauten von Konzertsälen immer mehr zu einer Prestigefrage geworden. Beinahe hatte man den Eindruck, als würden sich moderne Städte Konzertsäle leisten wie barocke Monarchen Schlösser: Man zeigt, was die Kassen (oder die Kreditlinie) hergeben. In München sind es vom Standort der neuen Isarphilharmonie nur wenige Kilometer über die Isar zum Bauplatz des neuen Konzertsaals für das BR-Symphonieorchester. 700 Millionen sind dafür veranschlagt, eine Rechnung aus finanziell rosigeren Zeiten. Klassische Musik als Möglichkeit, den Reichtum einer Stadt zur Schau zu stellen. Wir müssen uns nicht wundern, wenn das auch das Bild derer von der klassischen Musik bestimmt, die sie mit Misstrauen betrachten: ein Vergnügen wohlhabender Leute, die mit großen Autos in protzige Gebäude fahren und beim Pausensekt Geschäfte anbahnen.

Die Isarphilharmonie zeigt, dass es auch anders geht. Dass Klassik auch Spaß macht, wenn sie auf flachen Schuhen daherkommt. Dass der Inhalt wichtiger ist als die Form. So, wie es vor ein paar Jahren schon Bochum vorgemacht hat mit seinem tollen Konzertsaal, der nicht mal 40 Millionen gekostet hat. Ich freue mich auf meinen ersten Besuch in der Isarphilharmonie und werde berichten. Den Anzug lasse ich dafür übrigens im Schrank. 

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