THE SOCIETY OF MUSIC: 29. Juni 2022

Klartext reden über Musik

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Georg Holzer
Georg Holzer
29.06.2022

Als ich angefangen habe, Einführungen zu Konzerten zu halten, hatte ich das für Schauspiele und Opern schon fast 20 Jahre lang gemacht. Dabei dürfte eine Einführungs-Anzahl im hohen dreistelligen Bereich zusammengekommen sein, vielleicht sogar mehr, ich habe nicht mitgezählt. Schwer gefallen ist mir das nie, im Gegenteil, ich habe es immer sehr gerne getan: Es gibt über Dramen und Opern so viel zu sagen, dass ich meistens eher Mühe habe, mich ans enge Zeitlimit einer Einführung zu halten. Da sind Figuren, eine Geschichte, ein sozialer und historischer Hintergrund… Jede Menge Stoff, um spannende Dinge zu erzählen.

Mit reiner Musik ist das viel schwieriger. Holger Noltze hat vor einigen Jahren den prototypischen Dramaturgen beschrieben, der ein bisschen über die Biografie des Komponisten plaudert, etwas zur Entstehung des betreffenden Werks sagt und das Ganze mit ein paar Anekdoten würzt, die sich lustig anhören, aber weiter nichts zur Erhellung beitragen. Dass die Zuhörer nach einer solchen Einführung das Stück mit anderen Ohren hören, ist unwahrscheinlich. Sie trösten sich vielleicht damit, etwas für ihre Bildung getan zu haben. In Wahrheit haben sie eher ihre Zeit verschwendet – im besten Fall hat die Einführung dazu gedient, ein kleines Purgatorium zwischen Alltag und Musikerlebnis herzustellen. Das ist nicht schlecht, aber längst nicht genug.

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Hat ihren subjektiven Zugang zur Musik gefunden: Sopranistin Diana Damrau.

(Foto: Jiyang Chen)

Reden und schreiben über Musik ist so schwer, weil das Erlebnis von Musik so subjektiv ist. Sicher kann man eine saubere Analyse machen und etwas über Harmonik, Rückungen, Instrumentation und so weiter erzählen. Dem Geist der Werke kommt man damit nicht näher. Verstehen wird es im Publikum auch kaum jemand. Nein, es hilft nichts: Wer über Musik spricht, muss sein eigenes Erleben eines Musikstücks offenlegen, muss berichten, wo es ihn berührt, ganz persönlich. Neulich bin ich bei der Vorbereitung einer Einführung zu Alban Bergs Sieben frühen Liedern auf ein Interview mit der Sopranistin Diana Damrau gestoßen. Darin behauptete sie, die Lieder erzählten von Sex und dem Aufwachen am Morgen danach. Das war großartig, denn ob es stimmt oder nicht, mit einem solchen Satz im Hinterkopf kann man diese Stücke wirklich anders, intensiver hören. Ob man die Sache dann glaubt, kann man am Ende immer noch selbst entscheiden.

Aber über Sex reden? Vor einem klassischen Konzert?! Nein, so was kannst du einem anständigen Publikum nicht zumuten, scheinen viele Kolleginnen und Kollegen zu glauben. Dabei handelt Musik von nichts anderem: von Sex, den man hat (Mozart, Wagner) oder nicht (Schubert, Bruckner), von Liebe, Wut, Revolution, Resignation, Verzweiflung, Spott… eben allem, was das menschliche Leben so ausmacht. Ich habe mich letztens über einen Kollegen geärgert, der in einem Text über John Cages 4’33’’ ausführlich über die Bedeutung der Stille philosophierte, aber kein Wort darüber verlor, dass Cage mit diesem Stück auch dem Klassik-Publikum und seinen Ritualen vor den Karren scheißen wollte. Wahrscheinlich hat er vor dem Publikum gekniffen, weil er Angst hatte, es zu verärgern. Aber wer Klartext über Kunst redet, ärgert höchstens die, die sich eh gern ärgern (dazu an dieser Stelle bald mehr). Diejenigen Zuhörer, die mit Musik ihren Horizont erweitern wollen, werden dankbar sein. ¶

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