THE SOCIETY OF MUSIC: 24. August 2022

Hochglanz-Rassismus

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Georg Holzer
Georg Holzer
24.08.2022

Die Festspiel-Saison neigt sich dem Ende zu. Die Sänger-Stars aus aller Welt packen ihre Koffer und verlassen Bayreuth, Salzburg, Aix-en-Provence, Bregenz und die anderen Orte, an denen sich das Opernpublikum im Sommer versammelt. Die Stars kommen aus aller Welt, natürlich. Trotzdem haben sie fast alle ein gemeinsames Merkmal: Sie sind weiß. Die Kunstform Oper ist von Europäern erfunden, weiterentwickelt und maßgeblich geprägt worden, und das sieht man noch heute in den Gesichtern ihrer Protagonistinnen und Protagonisten.

Ich möchte nun gar nicht unbedingt die Platte auflegen, die in den letzten Jahren viel gespielt wurde, dass die Oper nämlich diverser werden müsse, dass vor allem schwarze Menschen endlich auf den Bühnen präsenter und selbstverständlicher werden müssten, ebenso in den Theaterleitungen und den Orchestern. Das ist ohne Zweifel richtig, und vieles bewegt sich bereits in diese Richtung. Ich würde lieber über die sprechen, die schon da sind: unsere Kolleginnen und Kollegen aus Asien.

Dass die europäische Musiktradition vor allem in Japan, Korea und China so begeistert aufgenommen und gepflegt wird, darf uns durchaus mit Stolz erfüllen. Denn wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen einen so intensiven Zugang zu dieser Musik finden, muss sie ja etwas Universales, Allgemeingültiges haben. Die schöne Folge dieses Enthusiasmus ist außerdem, dass viele hochbegabte Musikerinnen und Musiker aus Asien nach Europa kommen, um sich ausbilden zu lassen und hier in Ensembles, Chören und Orchestern Wurzeln zu schlagen. Hier sind sie inzwischen unverzichtbar. Ein älterer Kollege hat mal zu mir gesagt, dass bei einem Streik der koreanischen Tenöre die deutschen Stadttheater innerhalb weniger Tage kollabieren würden. Das gilt durchaus auch für andere Stimmlagen.

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Trägerin etlicher Preise und Auszeichnungen: Die koreanische Sopranistin Sumi Jo wurde bereits von Karajan in den höchsten Tönen gelobt.

(Foto: Shizuo Kambayashi)

In der Breite also sind die Asiatinnen und Asiaten sehr präsent in Europa. Aber in der Spitze? Koreanische Gesangsstars, die jeder kennt, der Oper liebt? Fehlanzeige. Bei gefeierten Instrumental-Solist*innen und Dirigent*innen finden sich ein paar wenige mit asiatischen Wurzeln, aber groß ist die Ausbeute nicht. Das heißt, die asiatischen Musikerinnen und Musiker sichern die Basis, aber nach oben lässt man sie nicht. An den musikalischen Fähigkeiten kann es nicht liegen. Also vielleicht, zumindest auf der Bühne, am darstellerischen Talent? Es ist ein gern gepflegtes Vorurteil, dass Asiat*innen zwar toll singen, mit der Expressivität des europäischen (Regie-)Theaters aber überfordert sind und auf der Bühne hölzern wirken. Das mag einst so gewesen sein, heute ist es definitiv nicht mehr der Fall. Meiner Erfahrung nach ist der Bühneninstinkt interkulturell fair verteilt, schließlich gibt es auch unter Europäer*innen bemerkenswerte darstellerische Antitalente.

Spricht man das Problem bei Entscheidungsträgern an, heißt es hinter vorgehaltener Hand: Das Publikum an den großen Häusern will keine Asiat*innen in zentralen Partien sehen. Das mag sein und stellt diesem Publikum kein gutes Zeugnis aus. Umso wichtiger wäre es, dass sich die Intendanten und Casting-Direktoren der wichtigen Opernhäuser und Festivals diesem Hochglanz-Rassismus entgegen stellen und die Besten auch dann engagieren, wenn sie aus Fernost kommen. Dabei können alle nur gewinnen. ¶

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