THE SOCIETY OF MUSIC: 16. November 2022

German Opera, No Fun

Zurück
Georg Holzer
Georg Holzer
16.11.2022

Eine meiner Lieblingslektüren als Kind war Urmel aus dem Eis von Max Kruse. Unter den sprechenden, aber mit lustigen Sprachfehlern begabten Tieren gab es mehr und weniger sympathische. Wen ich nicht sehr mochte, war der See-Elefant namens Seele-Fant. Der Name ist natürlich Programm. Seele-Fant spricht weniger, als er singt. Er sitzt auf einem Felsen und drückt seine tiefe Melancholie in traurigen Zeilen aus, zum Beispiel „An förnöm Ort, onnahbar eurön Flossön…“. Wem da etwas bekannt vorkommt, hat es kapiert: Der dauergrämliche Meeresbewohner hat sich Richard Wagner zur Inspirationsquelle erwählt.

19

Ping und Seele-Fant aus Urmel aus dem Eis.

(Foto: Augsburger Puppenkiste)

Derr Seele-Fant fiel mir letztens wieder ein, als ich in einer Probe zur Frau ohne Schatten hörte, wie der Regisseur einer englischsprachigen Sängerin, die sich unpassenderweise über irgendetwas amüsiert hatte, zurief: „German opera, no fun!“ Zu lachen gibt es in der Frau ohne Schatten tatsächlich so wenig wie in den meisten anderen Werken aus der großen Zeit der deutschen Oper. Und wenn es mal lustig sein soll, wird alles noch schlimmer, siehe die Meistersinger. Wer da lacht, muss schon einen ziemlich verschrobenen Sinn für Komik haben.

Dem Nationalklischee zufolge haben die Deutschen keinen Humor. Wie in allen solchen Verallgemeinerungen steckt darin sicher auch ein Körnchen Wahrheit, trotzdem ist es natürlich Blödsinn. Ich habe in meinem Leben schon sehr viele sehr lustige Deutsche getroffen, ebenso wie einige höchst korrekte und zuverlässige Italiener, schluffige Schweden, essgestörte Franzosen, langweilige Engländer und Tschechen, die sich wenig aus Braten mit Knödeln machen. Woher kommt also das in aller Welt bekannte Vorurteil, Deutsche seien steif, verklemmt und gingen zum Lachen in den Keller? Meine These: Von Richard Wagner. Immerhin sind seine Werke seit über 150 Jahren Deutschlands kulturelles Exportgut Nummer 1. Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Wagners Opern faszinieren Menschen in aller Welt, aber sein bis zur unfreiwilligen Komik heiliger Ernst legt ein paar Rückschlüsse auf das Volk nahe, das diesen Dichterkomponisten hervorgebracht hat.

Aus Deutschland kommen aber nicht nur Wagner und seine nicht minder ernsten Nachfolger und Bewunderer, sondern auch das Regietheater. Das ist ein Exportgut, das gerne geschmäht wird, das sich um den Humor allerdings sehr verdient gemacht hat. Man denke nur an die Wagner- und Verdi-Inszenierungen von Hans Neuenfels! (Verdi kann es übrigens an Humorlosigkeit durchaus mit Wagner aufnehmen, trotzdem würde niemand behaupten, Italiener hätten keinen Humor). Ich erinnere mich an eine Lohengrin-Inszenierung des Neuenfels-Schülers David Hermann, an der ich mitarbeiten durfte und in der wir einen Riesenspaß mit depperten Germanen und allzu heiligen Christen hatten. Witz findet sich nämlich auch und gerade in den Stücken, deren Schöpfer ihn besonders eifrig vermieden haben. Man muss sich nur trauen, ihn zu suchen. Und der nervige Seele-Fant ist in seinem ewigen Trübsinn letztlich auch ziemlich lustig. ¶

2.000+ ausgewählte Videos
Regelmäßige exklusive Live-Konzerte aus aller Welt
Täglich neue Musik-Geschichten
Konzertführer
CD-Empfehlungen
Keine Werbung