THE SOCIETY OF MUSIC: 14. Dezember 2022

Dreaming of a Kitsch Christmas

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Georg Holzer
Georg Holzer
14.12.2022

Etwa in meinem dritten Lebensjahrzehnt hatte ich, was Musik anging, eine strenge Phase. Es konnte mir gar nicht schwierig genug sein. Schon wenn ich mich an Mozart oder Haydn erfreute, hatte ich ein schlechtes Gewissen. War das nicht zu leichtgewichtig, machte das nicht zu viel Spaß? Sollte ich mich stattdessen nicht lieber ein bisschen quälen, mit Zwölfton- oder serieller Musik?

Schon lange bin ich milder geworden. Wenn mir was gefällt, lasse ich es gelten, und wenn mich etwas anstrengt, sage ich es laut und lege es zur Seite. Auch drei Akkorde können großartig sein, wenn sie etwas in uns bewegen. Eine gute Stimme, ein treffender Text können mehr in uns auslösen als ausgefeilte musikalische Strukturen. Ein guter Popsong ist mehr wert als eine mühselige Symphonie.

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Weiße Weihnachten? Vielleicht in diesem Jahr.

(Foto: Public Domain)

Ein Laster, dem ich jedes Jahr im Dezember fröne, ist die amerikanische Weihnachtsmusik. Da gibt es Songs, die zugleich uramerikanisch und trotzdem Teil der internationalen Popkultur sind. Dreaming of a White Christmas natürlich, ein unerreichbarer Traum in Zeiten des Klimawandels. Walking in a Winter Wonderland, auch das gibt es in Wirklichkeit nur noch selten. Have Yourself a Merry Little Christmas hört sich schon im Titel so putzig und gemütlich an, dass man gleich die Kerzen anzünden möchte. Chestnuts Roasting on an Open Fire, das gibt sogar dem ein gutes Gefühl, der auf Kastanien eigentlich gut verzichten kann. Amerikanische Weihnacht, das ist die Fortsetzung des bürgerlichen Christfests des 19. Jahrhunderts in die Moderne, aber bloß nicht zu modern.

I’ll be home for Christmas heißt ein anderes beliebtes Lied. Schon in diesem Titel zeigt sich, wo der eigentliche Reiz des amerikanischen Weihnachtsideals liegt. Mal wieder daheim sein, sich wohl fühlen, einen Schutzraum finden vor der bösen Welt. Ein paar Tage im Jahr haben, wo nur die Familie zählt. Dass viele Menschen keine haben, dass sie sich an Weihnachten nur mit ihr streiten – egal. Die Vergangenheit, die es nie gegeben hat, ist einfach viel schöner als die schnöde reale Gegenwart. Die amerikanische Weihnacht ist eine vollendete Fusion aus Nostalgie, Kapitalismus und der Utopie einer heilen Mittelstands-Welt. Das ist vielleicht nicht überall anschlussfähig, aber in Europa ganz bestimmt.

Über die Popmusik verbreitet sich dieses Ideal in alle Ecken der Erde. Ich freue mich jedes Jahr auf die adventliche Kitsch-Attacke. Die Streaming-Dienste machen es möglich, immer neue Versionen der großen Klassiker zu finden; mein aktueller Favorit ist das Weihnachtsalbum von Aimee Mann. Auch einer meiner musikalischen Säulenheiligen hat vor einigen Jahren eine Weihnachtsplatte aufgenommen: Christmas in the Heart gehört unbedingt zu den schlechtesten Alben von Bob Dylan, mir ist es trotzdem ans Herz gewachsen. Wenn er mit seinem abgesungenen und um ein paar Töne nach unten gerutschten Bariton Mendelssohns Hark! The Herald Angels Sing interpretiert – spätestens dann ist für mich Weihnachten. ¶

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