THE SOCIETY OF MUSIC: 4. Mai 2022

Die Isarphilharmonie von innen

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Georg Holzer
Georg Holzer
04.05.2022

Vor einigen Wochen habe ich von den Münchner Konzertsaal-Debatten erzählt und von dem Interims-Saal namens Isarphilharmonie, in den sich das Münchner Publikum über beide Ohren verliebt hat. Inzwischen hat das Thema weiter Fahrt aufgenommen, denn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat den Bau eines neuen Konzerthauses für das BR-Symphonieorchester infrage gestellt. In Zeiten einer Pandemie und eines Krieges müsse man über ein so teures und vielleicht gar nicht so notwendiges Projekt zumindest noch einmal nachdenken.

Egal, was man von dieser Kehrtwende des Ober-Bayern denkt, eines ist ganz klar: Söder hätte das nicht gesagt, wenn es nicht die Isarphilharmonie gäbe, diesen in nur drei Jahren und für nur 44 Millionen Euro errichteten neuen Mittelpunkt des Münchner Musiklebens. Die Argumentation ist simpel: Wenn man so schnell und so günstig einen guten Konzertsaal bauen kann, welchen Sinn hat es dann, weiterhin protzige Tempel für die Musik zu planen und zu bauen?

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Die Bühne im Blick.

(Foto: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe)

Nun hatte ich endlich die Gelegenheit, die Isarphilharmonie persönlich kennen zu lernen – nicht als Zuhörer, sondern als Sänger im Münchener Bach-Chor in einer Aufführung der Matthäus-Passion. Schon die Anfahrt ist ein Vergnügen. Im Stadtzentrum liegt die Isarphilharmonie nicht gerade, aber an der Isar radelt man an einem trockenen Frühlingstag entspannt nach Süden und ist schneller dort als erwartet. Das Foyer ist eine alte Industriehalle, auf deren Galerie die Münchner Stadtbibliothek ihre Bücher aufgestellt hat. Schon dieser helle, hohe und ein bisschen räudige Eingangsbereich ist großartig. In den knapp 50 Jahren, die ich München nun kenne, ist diese Stadt weniger gemütlich geworden, aber viel cooler und kosmopolitischer. Genau davon erzählt dieser Ort, urban und lässig.

Der Backstage-Bereich ist der Teil des Gebäudes, der am ehesten etwas Provisorisches hat: Hier ist es eng, die Räume sind klein, viele Mitwirkende teilen sich die wenigen Zimmer. Umso lieber kommt man in den Saal. Er ist schlicht und elegant, eher dunkel, denn außer dem hellen Parkett besteht er nur aus verschiedenen Grautönen von hellgrau bis fast schwarz. Das trotz der ernsten Musik frühlingshaft gekleidete Publikum bringt viele bunte, wohltuende Farbtupfer hinein.

Und das Wichtigste, die Akustik? Wie gesagt, die Perspektive des Publikums lerne ich an diesem Karfreitag nicht kennen. Schon gibt es erste Stimmen, die sagen, es gebe auch in diesem Saal Plätze, auf denen man weniger gut hört. Das kann ich nicht beurteilen, aber die angenehm kompakte Größe des Saals – er hat „nur“ 1800 Plätze, also rund 600 weniger als die alte Gasteig-Philharmonie – vermittelt den Eindruck, mit jeder Zuhörerin, jedem Zuhörer in Kontakt zu sein. Perfekt jedenfalls ist der Kontakt auf der Bühne. Die Sängerinnen um mich herum höre ich glasklar und kann mich wunderbar einfügen. Schade ist nur, dass die Bühne zu klein ist, um den Chor dort aufzustellen, sodass wir auf einer Chorgalerie mit relativ großem Abstand zum Orchester stehen. Aber auch von den Gesangssolisten, die uns den Rücken zudrehen, hören wir jedes Wort und jedes Detail.

Ich gehe glücklich aus diesem Konzert. Vor allem wegen Bachs Musik, klar, aber auch wegen dieses wunderbar gelungenen Konzertsaals. Auf der Rückfahrt an der Isar wünsche ich ihm, dass der kluge alte Spruch auf ihn zutrifft: Nichts hält länger als ein Provisorium. ¶

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