THE SOCIETY OF MUSIC: 11. Januar 2023

Das Recht der zweiten Nacht

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Georg Holzer
Georg Holzer
11.01.2023

Wenn ich in ein paar Wochen in eine Neuinszenierung von Le nozze di Figaro starte, muss ich mich wieder einmal mit dem archaischen „Recht der ersten Nacht“ beschäftigen. Das war schon zu Zeiten von Mozart, Da Ponte und dem Figaro-Erfinder Beaumarchais ein alter Hut und gehörte auf den Müllplatz der Geschichte. In anderer Form lebt es allerdings unverdrossen weiter, und zwar an den Opernhäusern dieser Welt.

Gemeint ist natürlich nicht irgendein Schweinkram, den der Intendant mit der Primadonna macht. Sondern das Verhältnis der Opernhäuser zu neuen Stücken. Neue Opern werden noch immer geschrieben und aufgeführt, nicht allzu viele zwar, aber ein paar Neuigkeiten kommen in jeder Spielzeit zusammen. Sie entstehen fast immer auf Initiative eines Opernhauses. Die Komposition einer Oper dauert etwa ein Jahr, mit der Planung und dem Verfassen eines Librettos sind ein paar Jahre Vorlauf üblich. Das macht niemand ohne ein garantiertes Honorar. Uraufführungen sind also teuer. Und gespielt wird das neue Werk dann meistens nur ein paar Mal. Wirtschaftlich ist so ein Auftragswerk also ein komplettes Desaster.

Für die Opernhäuser, die sich um zeitgenössische Opern verdient machen wollen, gäbe es eine günstigere Alternative: einfach ein Stück spielen, das schon woanders uraufgeführt worden ist. Dann entfällt das teure Uraufführungs-Honorar. Außerdem ist schon überprüft, dass das Stück funktioniert und eine gewisse Qualität hat, was man bei Stückaufträgen nie so genau weiß. Trotzdem werden neue Opern nur selten ein zweites oder gar drittes und viertes Mal inszeniert. Da das große Publikum neue Stücke ohnehin meistens links liegen lässt, liegt der Reiz der Uraufführung in der großen Aufmerksamkeit, die sie dem Opernhaus einbringt. Die ist die Währung, in der Uraufführungen bezahlt werden. Wird ein Stück zum zweiten Mal inszeniert, ist sie geringer oder fällt ganz weg. Dann rentiert sich das Unternehmen Neues Werk nicht mehr. Auch die Komponisten schreiben lieber neue Stücke, als die alten ein zweites Mal zu aufgeführt zu sehen, denn dafür gibt es nur Tantiemen, und die sind mager.

aribert reimann

Hat sich im Kanon etabliert: Aribert Reimann.

(Foto: Gaby Gerster)

Das ist sehr schade, denn so verschwindet der größte Teil der neuen Stücke im Nirwana des Vergessens. Lear von Aribert Reimann (1978) und Jakob Lenz von Wolfgang Rihm (1979), vielleicht noch Drei Schwestern von Peter Eötvös (1998) waren die letzten Opern, die es ins Repertoire geschafft haben und regelmäßig neu inszeniert werden. In den letzten 25 Jahren: Fehlanzeige. Anna Nicole von Mark-Anthony Turnage, die witzigste und berührendste Oper der letzten Dekade, wurde nach der Uraufführung in New York und London gerade noch zweimal inszeniert. Nicht viel besser ging es dem Gesicht im Spiegel von Jörg Widmann, dem bekanntesten der jüngeren deutschen Komponisten. Gerade haben wir in Nürnberg mit Turing eine neue Oper von Anno Schreier uraufgeführt. Sie hätte ein paar weitere Inszenierungen andernorts verdient. Denn ein modernes Repertoire hätten die Opernhäuser bitter nötig. Das ewige Abspulen der immer gleichen alten Schinken in mehr oder weniger aktualisierter Optik wird irgendwann an sein Ende kommen, vielleicht schon bald. Und dann? 

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