THE SOCIETY OF MUSIC: 25. Januar 2023

Wachgeküsst

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
25.01.2023

Wie sich die Dinge doch ändern. Mit achtzehn Jahren hat der große englische Bratschist Lionel Tertis sein Studium an der Royal Academy of Music begonnen – als erster und einziger Bratschist überhaupt. Später erzählte er in seiner Introduction to an English Viola: „Ein kleiner alter Mann wurde jedoch von der Academy für zwei Termine in der Woche engagiert, um bei den Orchesterproben zu spielen. Er war Profi, aber seiner sogenannten Bratsche – einer zugegebenermaßen sehr kleinen ihrer Art – entlockte er einen so hässlichen Klang, wie man ihn nur aus einem Saiteninstrument herausholen kann. Ich erinnere mich, dass er ohne jedes Vibrato spielte. Der knochentrockene Ton ließ einem die Haare zu Berge stehen.“ Der damalige Direktor der Royal Academy of Music, Komponist Alexander Mackenzie, bezeichnete diesen kleinen alten Mann als „notwendiges Übel“, so Tertis.

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Der Bratschist Lionel Tertis.

(Foto: Public Domain)

Spulen wir 130 Jahre vor. Erst letzte Woche hat der englische Bratschist und Tertis-Fan Timothy Ridout diese Anekdote im Londoner Fidelio Café während eines Konzerts mit dem Pianisten James Baillieu erzählt. Sie blieb mir im Gedächtnis, denn schon bevor sie an diesem Abend zum Besten gegeben wurde, hatte ich lauter Bratschen im Kopf. Am Morgen hatte ich Ridouts neue Aufnahme der Tertis-Bearbeitung von Elgars Cellokonzert gehört. Am Vortag war ich bereits auf eine andere ganz wunderbare neue Bratschenaufnahme eines jungen Briten aufmerksam geworden: Sola: Music for Viola by Women Composers – von Rosalind Ventris. Als Kritikerin fällt mir auf, dass mich mehr und mehr das Gefühl ereilt, dass die Bratsche nicht nur auf dem Vormarsch ist, sondern einen Wendepunkt erreicht hat, von dem aus es dieses Mal kein Zurück mehr geben wird.

Mozarts “Sinfonia Concertante”. Hamilton Harty leitet das London Philharmonic Orchestra mit Lionel Tertis an der Bratsche und Albert Sammons an der Geige.

Wir haben uns bereits einmal an einem ähnlichen Punkt befunden. Blicken wir ein paar Jahrhunderte zurück: Mozart spielte in Streichquartetten selbst Bratsche und komponierte seine Sinfonia Concertante in Es-Dur für Violine und Bratsche. Es folgten fünfzig Jahre des relativen Stillstandes, und dann Berlioz‘ Harold in Italy. Was wiederum ein Niemandsland rund um das Instrument nach sich zog. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, wo das Instrument plötzlich seine ersten wirklich glorreichen Tage erlebte. Es tauchten gleich mehrere hochbegabte Bratschensolisten auf und Komponisten reagierten entsprechend: der große Lionel Tertis, dem Waltons Bratschenkonzert neben unzähligen anderen Werken gewidmet ist; William Primrose, für den Bartók sein Bratschenkonzert schrieb; der Komponist Paul Hindemith, der sein Konzert selbst aufführte. Doch trotz eines inzwischen gewachsenen Solorepertoires für die Bratsche und der Tatsache, dass diese Persönlichkeiten Schülerinnen und Schüler hervorgebracht haben, hat man zu meiner Studienzeit eher einen Bratschenwitz als eine Solistin oder einen Solisten am Instrument gehört. Die Bratsche braucht Solist:innen mit unverwechselbaren musikalischen Persönlichkeiten und Klängen. Ich meine etwas, das wirklich anders klingt, wahrlich bratschenartig, anstatt nur wie eine tiefere Geige zu klingen –, was die Begeisterung und Fantasie von Komponistinnen und Komponisten und Publikum gleichermaßen anregt. Damit dieses Wiedererwachen und Interesse von Dauer sind, muss auf eine goldene Generation unmittelbar eine weitere folgen, und noch eine, bis es kein Zurück mehr gibt.

Daher bin ich mehr als begeistert, dass auf uns eine aufregende und junge Generation von Solistinnen und Solisten an der Bratsche wartet und direkt auf so große Namen wie Antoine Tamestit, Tabea Zimmermann, Lawrence Power und Gerard Caussé folgt. Das ist von enormer Bedeutung. Für das Publikum ist das alles fantastisch, denn Konzertsäle, Plattenfirmen und Förderungsprogramme für den Nachwuchs haben sich darauf eingestellt – mit dem Ergebnis, dass man plötzlich nicht mehr lange suchen muss, um eine Bratsche auf dem Programm zu finden. Dort findet man wunderbare alte Werke, die sich wie neu erschaffen anfühlen, weil sie bisher viel zu sehr vernachlässigt wurden – zum Beispiel Rebecca Clarkes Viola Sonata oder Vaughan Williams‘ Six Studies in English Folk Song. Zukünftig wird zweifellos ein immer größerer Strom neuer Werke entstehen, um die immer größer werdende Nachfrage zu füllen. Gefolgt von der nächsten Generation faszinierender Stimmen der Bratsche.

Kurz gesagt: Ich bin begeistert von allem, was da bereits da ist und noch kommen wird. Falls irgendjemand noch überzeugt werden muss, dass Musikerinnen und Musiker an der Bratsche mitnichten jeden Witz über das Instrument schlagen, hören Sie sich die neuen Alben von Ridout oder Ventris an. ¶

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