THE SOCIETY OF MUSIC: 26. Januar 2022

Vorwärts zurückgespult

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
26.01.2022

Frohes neues Jahr – ich hoffe, Sie sitzen bereits. Ich habe mich jedenfalls erst einmal hinsetzen müssen, als ich die erste Pressemitteilung der British Phonographic Industry (BPI) aus diesem Jahr las.

Diese Pressemitteilung war ein Update über den Verkauf von Alben im physischen Format, ein Bereich, den viele in der Welt der klassischen Musik in den letzten Jahren mit Interesse und auch Optimismus beobachtet haben, nachdem er anfänglich durch die digitale Download-Revolution dezimiert worden war. Zuerst sahen wir zu, wie Sammler ihre Liebe zu Vinyl wiederentdeckten. Dann hörten die CD-Verkäufe auf zu sinken, blieben stabil und begannen langsam wieder zu steigen. Mir fiel die Kinnlade herunter, als ich las, dass britische Verbraucher im Jahr 2021 fast zweihunderttausend Alben – die höchste Zahl seit 2003 – auf Kassetten gekauft haben.

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Erinnern Sie sich an dieses unheilvolle Klappern und zischen, wenn der Kassettenrekorder plötzlich beschloss, das Album zu zerkauen?

(Foto: Public Domain)

Erinnern Sie sich an dieses unheilvolle Klappern und zischen, wenn der Kassettenrekorder plötzlich beschloss, das Album zu zerkauen? Dann das sorgfältige Entwirren mit Bleistift samt abgeschrägter Kante? Oder wie ein vielgeliebtes Band seinen bevorstehenden Tod ankündigte, indem es nur noch mit halber Geschwindigkeit abgespielt wurde? Pop-Hörer:innen werden jetzt jedoch offenbar durch ihr praktisches Sammler-Format und ihren Retro-Appeal zurück zur Kassette gelockt.

Was die Klassik-Hörer:innen betrifft, wäre ich überrascht, wenn es eine ähnliche Verschiebung geben würde. Der Grund, warum wir uns geweigert haben, CDs komplett aufzugeben, liegt darin, dass sie physische Greifbarkeit mit guter Klangqualität kombinieren. Bei Vinyl wird immerhin der Verlust an Klangqualität durch den Erlebnisgenuss ausgeglichen – einschließlich des altmodischen Charmes des Sounds selbst. Trotzdem werde ich die Entwicklung mit Interesse verfolgen. Zumindest diejenigen von uns, die noch wertvolle Erinnerungen auf Kassette gebannt besitzen, könnten sich jetzt einen halbwegs anständigen neuen Kassettenrekorder kaufen, um sie sich anzuhören.

Die Wiederbelebung von Kassetten war jedoch nicht die einzige bemerkenswerte Nachricht, die diesen Monat auf meinem Radar erschienen ist. Die Andere ist der Start von October House Records, einem von Künstler:innen geführten Plattenlabel, das sich als Streaming-Plattform präsentiert. Geführt von einer Gruppe von Musiker:innen, darunter der Jazzbassist, Komponist und Arrangeur Misha Mullov-Abbado und die Sopranistin Héloïse Werner von The Hermes Experiment, unterscheidet sich das Label erheblich von allem, was ich bisher im klassischen Bereich gesehen habe: ein neues Bündel von Veröffentlichungen alle drei Monate, die alle exklusiv für die Website sind, wobei 85 Prozent der Einnahmen direkt an die Künstler:innen gehen. Außerdem ist die Musik selbst unverwechselbar – erwarten Sie nicht die x-te Neuaufnahme der Violinsonaten von Brahms und der gleichen. Von den Neuerscheinungen, die am 28. Januar erscheinen, habe ich es zum Beispiel sehr genossen, mir vorab Mullov-Abbados Road Songs EP anzuhören, drei geschickt gearbeitete, freche Miniaturen, die Jazz-, Folk- und klassische Elemente verschmelzen und mit einem Augenzwinkern vom Soloklarinettisten des London Philharmonic Ben Mellefont und dem Hill Quartet interpretiert werden. Auch Erl-King/Erlkönig von der Bratschistin Shiry Rashkovsky – mit Schuberts Erlkönig, gespielt von ihr und der Geigerin Fenella Humphreys, und Héloïse Werners The Erl-King, von Rashkovsky in Auftrag gegeben und von ihr und Werner aufgeführt.

Also ein nostalgisches Revival und eine unternehmungslustige, brandneue Initiative. Ich würde es als einen ziemlich optimistischen Weg für die Labels zusammenfassen, ins neue Jahr zu starten. ¶

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