THE SOCIETY OF MUSIC: 15. Juni 2022

Querströmungen

Zurück
Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
15.06.2022

Die ersten Fälle traten auf, als ich Interviews für einen Artikel über vergessene Methoden, Streichinstrumente zu spielen, führte, der in The Strad veröffentlicht wurde. Bedeutende Persönlichkeiten aus der Welt der Streichinstrumente sprechen darin über verschiedene kleine technische Tricks, die kaum noch bekannt sind – und deswegen in ein paar Jahrzehnten ganz verloren gehen könnten. Es war ein faszinierender Prozess, ein möglichst breites Kompendium zusammenzustellen, unterstützt von Geigern wie Joshua Bell und Vadim Gluzman, dem Cellisten Alban Gerhardt, dem Brooklyn Rider-Bratschisten Nicholas Cords, dem Dirigenten und Geiger Gábor Takács-Nagy und der herausragenden Künstlermanagerin Sonja Simmenauer. Während jede*r etwas anderes auf den Tisch brachte, gab es ein gemeinsames Thema: die viel tieferen und stärkeren Verbindungen vor etwa siebzig Jahren zwischen großen Streicher*innen und den größten Sänger*innen ihrer Generation. Im Wesentlichen geht es darum, dass die heutigen Streicher*innen zwar davon sprechen, mit ihren Instrumenten zu „singen“, aber sich weniger an den  Sänger*innen  orientieren, als es ihre Vorfahren im frühen zwanzigsten Jahrhundert taten. Ich stimme ihnen zu. Vergleichen Sie jede moderne Aufnahme von Brahms' Violinkonzert mit Menuhins Luzerner Aufführung von 1949 mit Furtwängler, und Sie werden den Unterschied hören. Mit anderen Worten: Vor einem Jahrhundert wurde die Instrumentaltechnik von Saiteninstrumenten bewusst von einer anderen musikalischen Disziplin beeinflusst. Künstlerische Kreuzbefruchtung.

Der erste Satz von Brahms’ Violinkonzert mit Yehudi Menuhin; Wilhelm Furtwängler dirigiert das Lucerne Festival Orchestra.

Kurz nach diesem Artikel habe ich dann die neue – und fantastische – Aufnahme der Geigerin Patricia Kopatchinskaja für Alpha rezensiert, deren Programm die Welt des amerikanischen virtuosen Pianisten und Komponisten George Antheil nachzeichnet. Was mich an Antheils buntem Leben besonders beeindruckt hat, war das Ausmaß, in dem er mit den originellsten Künstlern anderer Disziplinen Kontakte knüpfte und sich von ihnen inspirieren ließ – von Avantgarde-Dichtern bis hin zu Dramatikern wie Jean Cocteau, zum Maler Pablo Picasso, vom Schriftsteller Ernest Hemingway zum Komponisten Igor Strawinsky. Das heißt, Antheil schuf die höchst originellen und experimentellen Klänge seiner Musik aus dem Zentrum eines multidisziplinären Schmelztiegels neuer visueller, literarischer und klanglicher Ideen.

Das Leitmotiv der gegenseitigen Befruchtung setzte sich letzte Woche fort, als ich Programmhefte schrieb, in denen ich erwähnte, wie es zum Teil Chopins Bewunderung für die literarischen Balladen seines Dichterfreundes Adam Mickiewicz war, die seine eigenen pianistischen Balladen nährten. Und wie Debussy – gefeiert für seine musikalischen Impressionen Wasser, Mondlicht, Schnee, Unterwasserkathedralen usw. – einmal sagte: „Ich mag Gemälde fast so sehr wie Musik“. Dann noch Notizen aus einem Interview mit einem Cellisten, der plötzlich aus dem Stegreif bemerkte, dass Musiker heute sich weit mehr auf ihre eigene Disziplin beschränken als früher.

natural 3704914

Querströmungen, die sich gegenseitig speisen: Multidisziplinarität, bitte.

(Foto: Public Domain)

Diese Aussage tätigte er, als er darüber diskutierte, wie man als Streicher*in seinen eigenen individuellen Klang entwickeln kann – im Zusammenhang damit, dass es heutzutage oft ziemlich schwierig ist, einen Spieler allein anhand des Klangs zu identifizieren. Obwohl viele Dinge eine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene authentische musikalische Persönlichkeit zu fördern, fühlte sich die Bemerkung im Zusammenhang mit all dem oben Gesagten bedeutsam an. Vor allem, weil es zu stimmen scheint, denn obwohl ich Künstler*innen kenne, die gerne lesen und Kunstgalerien besuchen, habe ich nicht den Eindruck, dass die großen klassischen Musiker von heute mit der neuen Kunst rumhängen – den großen Maler*innen, Filmemacher*innenn, Choreograf*innen, Dramatiker*innen, Dichter*innen und Romanautor*innen ihrer Generation.

Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin, aber mittlerweile komme ich nur noch alle paar Jahre zu einer Kunstausstellung oder ins Theater; und wenn mein eigenes Leben in irgendeiner Weise darauf hindeutet, vermute ich, dass es eher Zeitmangel als Desinteresse ist, das die Ursache für weniger Gegenströmungen unter Künstlern ist als früher. Dennoch frage ich mich, was wir erreichen könnten, sowohl für die Schaffung neuer Kunst als auch für die Interpretation von bereits Bestehendem, wenn wir sie irgendwie zurückbringen würden. Auf jeden Fall fühle ich mich herausgefordert, selbst ein bisschen proaktiver multidisziplinär zu sein. ¶

2.000+ ausgewählte Videos
Regelmäßige exklusive Live-Konzerte aus aller Welt
Täglich neue Musik-Geschichten
Konzertführer
CD-Empfehlungen
Keine Werbung