THE SOCIETY OF MUSIC: 30. November 2022

Nicht sehr kultiviert

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
30.11.2022

Es waren ein paar turbulente und verheerende Wochen hier in Großbritannien, nachdem der Arts Council England am 4. November sein Portfolio finanzierter Organisationen für 2023-2026 veröffentlicht hat. Da meine Kolumne hier drei Wochen später landet, fühlt es sich für mich ein wenig übertrieben an, weitere Tinte zu verschwenden, um das Ausmaß des schlecht durchdachten, sich selbst ins Bein schießenden kulturellen Vandalismus zu skizzieren. Vor allem entstanden durch die Entscheidung, den gesamten jährlichen Zuschuss der English National Opera in Höhe von 12,6 Millionen Pfund, sowie alle Mittel für die Glyndebourne Touring Opera und die Britten Sinfonia zu streichen. Die Gegenargumente wurden bereits von vielen meiner Kolleg*innen vorgebracht, und wenn Sie sie noch nicht gelesen haben, empfehle ich Ihnen die Beiträge des English-National-Opera-Geschäftsführers Stuart Murphy für The Guardian und des ENO-Musikdirektors Martyn Brabbins für die Independent Society of Musicians. Wenn Sie dabei sind, dann können Sie gleich die Petition von Sir Bryn Terfel für die sofortige Wiedereinsetzung der ENO-Finanzierung unterzeichnen.

Ich habe nur zwei Ergänzungen. Die erste ist einfach eine persönliche Liebeserklärung an die English National Opera, denn mein allererster Besuch, um sie im Londoner Coliseum zu erleben, war auch das allererste Mal überhaupt, dass ich eine Opernkarte gekauft habe. Das war Ende der 1990er Jahre, ich war eine 20-jährige Studentin, und obwohl gerne Opern mögen wollte, dachte ich, das wäre nichts für mich. Ein Freund von mir liebte die Oper, und so fand ich mich eines Samstagabends oben auf dem Balkon des Coliseum wieder und hielt ein billiges Ticket für Jonathan Millers Produktion von La Traviata in der Hand.

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Verheerende Finanzierungsentscheidungen für die Kultur in England: Charlotte Gardner ist not amused.

(Foto: Public Domain)

Den Zauber dieses Abends werde ich nie vergessen. Die sanft einladende, verblasste Grün- und Goldpracht des Zuschauerraums, vor der Renovierung. Die dunkle, bittersüße Schönheit dieser eröffnenden Ouvertürentakte. Der Vorhang hebte sich vor einem Ballsaal aus wirbelnden Reifröcken und intensivem Schauspiel. Das hat die Realität auf einer Ebene der Schönheit ausgehebelt, die mich umgehauen hat. Eine einzige Nacht im Coliseum hat mich gelehrt, dass die Oper weder zu vornehm noch zu teuer oder zu einschüchternd für mich ist, und ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden ich dort in den fast dreißig Jahren verbrachte habe, die mittlerweile dazwischen liegen.

Mein zweiter Punkt betrifft die Forderung des ACE, dass die ENO in ein neues Zuhause umziehen soll, wahrscheinlich in den Norden Englands oder in die Midlands. Ganz abgesehen von all den sachlichen Argumenten, warum die ENO nach London gehört, und dem anhaltenden Augen-verschließen gegenüber des bereits reichlich vorhandenen künstlerischen Reichtums im Norden Englands, hat es mich auch sehr gereizt, dass, wenn von künstlerischer und klassischer Musik geprägter Nivellierung die Rede ist, diese überwiegend geographisch nach oben gerichtet ist, und nicht nach unten. Richtung Norden, bereits großartig von der Opera North abgedeckt, der Hallé, Liverpool Philharmonic, Manchester Camerata und Royal Northern Sinfonia, um nur einige zu nennen. Richtung Midlands, das vor allem vom City of Birmingham Symphony Orchestra und Ex Cathedra bedient wird. Während das Bournemouth Symphony Orchestra im Süden allein ein Gebiet abdeckt, das sich von Poole bis zur Spitze von North Cornwall erstreckt. Unglaubliche 26.000 Quadratkilometer. Wenn das BSO eine Schule in Penzance besuchen will, wo meine eigene Familie herkommt, ist das eine Autofahrt von fast vier Stunden. Doch obwohl dieses großartige Orchester, das bereits damit beauftragt ist, das Unmögliche zu tun, keine ACE-Finanzierungskürzung hatte, wurde diese auch nicht aufgestockt, was einer Kürzung gleichkommt. Gleichzeitig  wurde der Tourneezuschuss der Welsh National Opera, die dieselbe Region mit ihren Tourneen bedient, um 2,2 Millionen Pfund gekürzt.

Ich habe die Theorie, dass die Leute, die in London sitzen und diese Entscheidungen treffen, glauben, dass man automatisch reich ist, wenn man im Südwesten lebt, und daher keine Unterstützung der Regierung  für den Zugang zur Kunst braucht. Obwohl es stimmt, dass der Norden Englands das höchste Aufkommen an Haushalten unterhalb der Armutsgrenze aufweist, liegen die erbärmlich musikalisch unterversorgten ländlichen und Küstengebiete von Südwestengland nicht weit dahinter. Hier leben auch einige der unterprivilegiertesten Familien des Vereinigten Königreichs. Zum Beispiel das Camborne-Gebiet von Cornwall. Außerdem sollte es sowieso keine Postleitzahl-Lotterie sein, ob jemand aus einer nicht mit klassischer Musik bewanderten Familie Gelegenheiten erhält, an sie herangeführt zu werden und sich darin zu entfalten. Nicht mit all den unzähligen emotionalen, psychologischen, erzieherischen und sozialen Vorteilen. Bieten Sie allen Kindern Zugang zu musikalischer Bildung, und am Ende haben Sie eine gesündere Gesellschaft.

Also ja, den Zugang erweitern, die Regionen anerkennen und unterstützen. Sagen Sie mir nur nicht, dass ein regionaler Zugang, der nur in nördlicher Richtung von London Ausschau hält, fair oder richtig ist. ¶

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