THE SOCIETY OF MUSIC: 7. September 2022

Klingeling

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
07.09.2022

Frage: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn mitten in einem Konzert das Handy von jemandem – nicht Ihres – in ein Duett mit der Person auf der Bühne ausbricht?

Wenn Ihre Gedanken dabei überwiegend negativer Natur sind, dann bin ich bei Ihnen. Wahrscheinlich sind das die meisten Leute, die diese Kolumne lesen. Meine persönliche Lieblings-Horror-Erinnerung ist, als während eines Liederabends in der Londoner Wigmore Hall ein Mobiltelefon fast gleichzeitig mit den Eröffnungstakten einer besonders sanften und gefühlvollen Arie im langsamen Tempo mit einem ausgedehnten Vorspiel zu klingeln begann. Anstatt sich dieser Peinlichkeit zu stellen und in der Tasche schnell nach dem Handy zu kramen, tat der Besitzer einfach so, als gehöre die Tasche nicht ihm. Leider war es jedoch ein sehr entschlossener Anrufer: Das Klingeln begann erneut. So ging es weiter und weiter. Wahrscheinlich wurde zum ersten Mal allen Besuchern klar, was für eine gute Akustik die Wigmore Hall nicht nur für Kammermusik, sondern auch für Nokia-Klingeltöne bietet. Höher und höher stiegen die Spannung des Publikums und das Tuten des Telefons, während der Pianist galant weiter spielte und der Sänger unbewegt blieb, entschlossen in seinen Charakter vertieft. Bis schließlich jemand aus dem Publikum in Richtung des Klingeltons eine sehr laute Ansage brüllte – und dem Handybesitzer befahl, das verdammte Ding sofort auszuschalten. Was er tat, buchstäblich eine Nanosekunde, bevor der Sänger ihren Mund öffnete und es irgendwie trotzdem schaffte, eine Leistung abzuliefern, die uns umgehauen hat. Den Applaus danach muss man erlebt haben.

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Lautlos bevorzugt – Smartphones im Konzert

(Foto: Public Domain)

Ich erzähle Ihnen diese Anekdote, weil ich letzten Donnerstagabend ein überraschendes Erlebnis im Zusammenhang mit Mobiltelefonen hatte, dank eines Konzerts des Cellisten Sheku Kanneh-Mason zur bevorstehenden Veröffentlichung seines Albums Song. Das Album selbst ist ein Füllhorn von kurzen Stücken, von Folk und Jazz bis hin zu Bach, Messiaen und fünf Solo-Cello-Präludien, die erst letztes Jahr vom britischen Komponisten Edmund Finnis für Kanneh-Mason geschrieben wurden. Wenn Sie sich nur eine Sache auf diesem Album anhören, dann bitte diese schönen, intelligenten Finnis-Miniaturen. Passend zu dieser ausgesprochen entspannten, klassisch/nicht-klassischen Atmosphäre war der Veranstaltungsort das mehrstöckige Parkhaus Bold Tendencies in Peckham, wo niedrige Betondecken nicht nur eine überraschend intime Akustik für die Musik bieten, sondern auch eine außergewöhnlich resonante Klangkulisse für jeden Zug, der auf den angrenzenden Bahngleisen vorbeipoltert. Das meine bewundernd, nicht klagend, denn es war super atmosphärisch. Was mir letzte Woche besonders aufgefallen ist, war die Art und Weise, wie man sich dabei instinktiv bei allen Nebengeräuschen entspannte, einschließlich Handys. Denn einerseits war ich noch nie bei einem solchen Konzert – übrigens ein exquisit gespieltes Konzert. Andererseits haben mich WhatsApp-Dings und SMS-Plings noch nie so wenig gestört. Tatsächlich haben die Soundeffekte nur zu der entspannten, fröhlichen Stimmung beigetragen.

Ich sage nicht, dass ich nicht genervt sein werde, wenn das nächste Mal jemand in Barbican Hall mitten in einem exquisit gesponnenen Pianissimo das Telefon klingelt. Aber meine Peckham-Erfahrung war eine schöne Überraschung und eine Lektion in Sachen Offenheit. ¶

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