THE SOCIETY OF MUSIC: 9. September 2020

Ins Blaue gedacht

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
09.09.2020

Diesen Sonntag eröffnet die Londoner Wigmore Hall ihre Herbstsaison mit einem Liederrecital von Christian Gerhaher und Gerold Huber. Der Saal wird nur zu zehnt Prozent gefüllt sein, sicher werden aber mehrere tausend Zuschauer das Konzert über den Live-Stream sehen, den die Wigmore Hall zur Verfügung stellt. Und wirklich: Gott sei Dank für diese Technologie, die es uns weiterhin ermöglicht, trotz dieser beispiellosen letzten sechs Monate Konzerte zu erleben, wenn auch nicht physisch, vor Ort. Dennoch, für die Wigmore Hall bedeuten zehn Prozent gerade einmal 56 Konzertbesucher in einem Saal, der für 552 ausgelegt ist. Wenn also Konzerthäuser davon abhängig sind, voll ausgelastet zu sein, um überhaupt existieren zu können; wenn Künstlerinnen und Künstler den Großteil ihres Einkommens aus Auftritten beziehen, dann wird das Konzert am Sonntag auch zu einem Warnsignal der Gefahr, in der sich die Musikwelt gerade befindet. Auch wenn ein paar Outdoor-Konzerte veranstaltet werden konnten, als die Lockdown-Einschränkungen gelockert wurden, wird das Winterwetter diese wieder unmöglich machen.

Es scheint mir daher ein guter Moment zu sein, in den Chor einzustimmen, der eine Neubewertung der Social-Distancing-Bestimmungen in Konzertsälen fordert. Ich habe zwar nur ein einziges Indoor-Konzert seit März erlebt, nämlich am letzten Wochenende in Bremen – aber sechsmal in voll besetzten Flugzeugen gesessen. Hier also ein paar Schlussfolgerungen, die sich für mich über den Wolken ergeben haben.

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Wieso sind Hygienekonzepte in Flugzeugkabinen großzügiger als in Konzerthäusern?

(Foto: Public Domain)

Erstens: Es ist wirklich unsinnig, dass es in Ordnung sein soll, in der Economy Class für über zwei Stunden zwischen zwei völlig Fremden eingekeilt zu sitzen, während die Masken für Erfrischungen abgenommen werden und es erlaubt ist, die Bordtoilette aufzusuchen – während es angeblich weniger sicher ist, in einem weitaus weniger engen Konzertsaal weitaus kürzer auf seinem Platz sitzen zu bleiben, ohne die Maske abzunehmen.

Zweitens sind die Freiheiten, die den Airlines bei der Einhaltung von Hygienevorkehrungen eingeräumt werden, noch unsinniger. Die einzige Vorschrift ist, Masken zu tragen. Ich habe schon alles erlebt: Airlines, die jeden Passagier mit Desinfektionsmittel oder -tüchern ausstatten, während andere gar nichts anbieten. Einige servieren keine Getränke mit bloßen Händen oder berühren keine Smartphones von Passagieren, während andere genau das tun. Manche verlangsamen den Boarding- und Aussteigeprozess, Reihe für Reihe, andere nicht; einige säubern penibel zwischen den Flügen, andere weniger gewissenhaft. Manche Airlines bestehen auf medizinische Gesichtsmasken, während andere auch nicht-medizinische erlauben.

Drittens nehmen einige Airlines die Hygienevorschriften derart ernst, dass ich mich beim Einkaufen im Supermarkt unsicherer fühle als etwa in einem Flugzeug der British Airways. Und mit diesem letzten Punkt möchte ich auf die Konzerte zurückkommen, denn ich habe ein großes Problem mit Airlines, die mit schlampigen Hygienevorkehrungen durchkommen, während die Live-Musik verstummen muss. Natürlich gilt das nicht für diejenigen, die Dinge zuverlässig umsetzen – denn die Klassik-Industrie ist ja auch enorm vom Flugverkehr abhängig.

Von Best-Practice-Beispielen zu lernen ist wichtigl, um möglichst viel am Laufen zu halten, bis das Schlimmste überstanden ist. Es scheint mir, wenn schon Vergleiche zwischen Konzertsälen und Flugzeugen gezogen werden, dass es sinnvoll wäre, wenn Airlines ihre Erfahrungen mit Konzertveranstaltern teilen, damit Indoor-Konzepte erstellt werden können, die auch die Regierung überzeugen. Für British Airways zum Beispiel wäre es nicht das erste Mal dieses Jahr, dass Veränderungen in der Gesellschaft angestoßen wurden. Eines der vielen Beispiele einfallsreich praktizierter Menschenliebe in Großbritannien war das Project Wingman, bei dem die Airline ihre Crews in Krankenhäuser entsandte, um dort First-Class-Lounges zu etablieren, in denen sich Angestellte des Gesundheitssystems erholen konnten. Die Idee kam von British Airways selbst – und zündete.

Ich weiß schon: Airlines, die Konzerthäusern helfen? Das wirkt wirklich wie ein sehr naiver Vorschlag. Aber wann wäre ein besserer Zeitpunkt, um ins Blaue zu denken, wenn nicht im nahenden Winter? ¶

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