THE SOCIETY OF MUSIC: 23. Februar 2022

Füße fest am Boden

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
23.02.2022

Keine tiefschürfenden Grübeleien von mir in diesem Monat. Stattdessen eher eine Abbildung des Londoner Konzertlebens Anfang 2022 – so wie ich es erlebe. Was sich als interessante Lektüre für die Nachwelt herausstellen könnte, oder auch nicht.

In Bezug auf das Publikum würde ich London derzeit als gemischten, aber ermutigenden Erfahrungsschatz bezeichnen. Nehmen Sie die durch Covid verzögerte Uraufführung von Unsuk Chins zweitem Violinkonzert. Anfang Januar wurde es von seinen Mitauftraggebern Simon Rattle und dem London Symphony Orchestra der Welt endlich präsentiert – mit seinem Widmungsträger Leonidas Kavakos als Solist. Das Werk selbst war, fürchte ich, eines, das ich trotz des atemberaubenden Spiels nur freundlich wahrgenommen habe. Ich werde es hier nicht rezensieren, aber im Wesentlichen hält es sich an die heute vertraute Standardvorlage des 21. Jahrhunderts – mit atmosphärischen Episoden, die von klingend-bunten Orchestertutti und einer breiten Palette von nicht-standardmäßigen Perkussionen umrahmt werden. Das Barbican selbst war jedoch ein freudiger Anblick. Trotz der Omicron-Welle, die gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte, gab es kaum einen freien Platz im Saal. Hätten nicht alle Masken getragen, hätte es sich wie ein Abend vor Covid angefühlt. Unglaublich.

Musik von Unsuk Chin: Klavierkonzert, erster Satz.

So großartig der Abend im Barbican auch war, es ist nicht so, dass er widerspiegeln würde, was sonst in fast jedem Londoner Konzertsaal an jedem Abend passiert. Zum Beispiel ein enttäuschendes Erlebnis in der Wigmore Hall, als ein Schubert-Abend mit aufschlussreichen Darbietungen des Cellisten Daniel Müller-Schott, des Geigers Alexi Kenney und des Pianisten Francesco Piemontesi (am Tag von Schuberts 225. Geburtstags) stattfand – vor nur einem halb besetzten Saal. Vor drei Jahren wären die Plätze restlos ausverkauft gewesen bei diesen Künstlern und diesem Repertoire. Trotzdem gibt es positive Nachrichten aus der Wigmore Hall, denn in den letzten Wochen habe ich auch zwei Künstler bei verschiedenen Gelegenheiten sagen hören, dass sie dort plötzlich ein neues, jüngeres Publikum entdeckt hatten. Gerade im Kontext dieses Londoner Konzertsaals, der vor allem von älteren Generationen besucht wird – wirklich spannend.

Meine letzte Beobachtung bezieht sich dann auf das Konzertformat, und zwar auf Folgendes: Trotz all der Ermahnungen während des Lockdowns (auch von mir selbst) darüber, dass diese erzwungene Pause die Gelegenheit sein könnte, das allgegenwärtige klassische Konzertformat aufzubrechen, scheint dies genau die Vorlage zu sein, zu der wir zurückgaloppiert sind. Als ob nie etwas gewesen wäre. Im Moment erwähne ich dies lediglich als Beobachtung aus der Anfangszeit, ich will es weder verurteilen noch gutheißen. Aber interessant ist es trotzdem, oder? Ich vermute, das wird dieses Jahr enden. ¶

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