THE SOCIETY OF MUSIC: 13. Juli 2022

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
13.07.2022

 

Es ist nur ein einziger Gedanke, den ich diesen Monat mit Ihnen teilen werde. Einer, der mir in den letzten Wochen durch den Kopf gegangen ist, dank einer Bemerkung des Geigers und Dirigenten Dimitry Sitkovetsky in einem Interview. Dort ging es um die möglichen Gründe, warum die heutigen Streichersolist*innen allein am Klang seltener sofort erkennbar sind als die großen Namen vor achtzig Jahren. Sitkovetskys Ansicht, die von anderen, die ich für denselben Artikel interviewt habe, geteilt wird, war, dass die zunehmende Bedeutung internationaler Musikwettbewerbe einen Teil der Schuld an der Glättung hoher Individualität in den letzten Jahrzehnten hat. Im Namen der Zufriedenheit möglichst vieler Mitglieder einer Jury werden junge Künstler*innen darin geschult, mit ihrem Spiel einen sicheren Mittelweg einzuschlagen statt Risiken einzugehen, die einem ausreichend hohen Anteil der Jury nicht gefallen könnten, was ihnen einen Sieg im Wettbewerb kosten würde. Der Punkt von Sitkovetsky, der meine Vorstellungskraft jedoch wirklich beflügelte, war, dass Wettbewerb in der Welt der klassischen Musik nichts Neues ist, sondern heutzutage nur eine andere Form hat. Er erinnerte mich daran, dass sich Virtuosen im 18. und 19. Jahrhundert gegenseitig zu Duellen auf der Bühne herausforderten, bei denen der Gewinner derjenige war, der den meisten Applaus erhielt. Und in der Tat war ein besonders berühmtes Ereignis 1739 der „Kampf“ auf der Bühne in Amsterdam zwischen dem italienischen Geigenvirtuosen Pietro Locatelli und seinem französischen Gegenstück Jean-Marie Leclair (für unentschieden erklärt). Auch Franz Liszt war einem Klavier-Duell auf der Bühne nicht abgeneigt.

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Liszt - der erste Rockstar?

(Foto: © bpk)

Können Sie sich den Spaß vorstellen, wenn die heutigen Künstler*innen dem Publikum so etwas präsentieren würden? Wenn sich zwei große Solist*innen im Geiste von Spaß, Freundschaft und gegenseitigem Respekt eine Bühne teilen würden, um sich gegenseitig an Virtuosität und Erfindungsgabe zu übertrumpfen? Keine Noten. Nur Musik und der Nervenkitzel des Unbekannten. Wir bringen etwas von diesem süchtig machenden, oft quälenden Drama, das wir für selbstverständlich halten, wenn wir unseren Lieblingssportlern bei einem Match zusehen, in den klassischen Konzertbesuch. Ich wäre in der ersten Reihe. Ich vermute, es würde auch die Fantasie von Menschen anregen, die noch nicht wissen, dass sie klassische Musik lieben. Oder diejenigen, die während der Pandemiezeit das Vergnügen an Live-Musik vergessen haben und noch nicht wieder in die Konzertsäle zurückkehren. Ein ernstzunehmender Punkt, wenn man bedenkt, wie oft ich Konzerte in kaum halb vollen Sälen bespreche – sogar in der Londoner Wigmore Hall, was früher ein unvorstellbarer Zustand gewesen wäre. Das ist also mein neuer Vorschlag. Musikalische Duelle auf der Bühne. Nun, wer ist der Herausforderung gewachsen?

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