THE SOCIETY OF MUSIC: 27. Januar 2021

Die Wiederentdeckung der Ouvertüre

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
27.01.2021

Was mich an klassischer Musik immer wieder erstaunt und amüsiert, ist, dass es diese Stücke gibt, die wegen ihrer eingängigen Melodien unglaublich berühmt sind – und wer als echter Klassik-Connoisseur gelten will, darf niemals zugeben, dass ihm oder ihr diese Musik gefällt. Mozarts Eine kleine Nachtmusik ist so ein Werk. Oder Holsts Die Planeten, Orffs Carmina Burana zum Beispiel.

Darüber habe ich wieder einmal nachgedacht, als ich beim wöchentlichen Podcast Classical Top 5 zu Gast war, zusammen mit meinem Gramophone-Kritiker-Kollegen Richard Bratby. Moderiert wird der Podcast von Tommy Pearson, und jede Woche sucht sich jeder von uns ein anderes Thema aus – dann wird über die Top-5-Klassik zu diesem Thema gesprochen, oft auch mit prominenten Gästen. Zum Beispiel ging es in den letzten Ausgaben um Cellokonzerte mit Steven Isserlis oder männliche Stimmen mit Sir Thomas Allen. Unsere Hörerinnen und Hörer sind uns sehr zugetan – und bieten darüber hinaus ein enormes Wissen, also veröffentlichen wir das kommende Thema jede Woche in den sozialen Medien, bevor die Folge aufgezeichnet wird, so dass alle kommentieren und ihr Wissen beisteuern können.

Letzte Woche ging es also um Ouvertüren, zu Gast war der Dirigent Paul Daniel. Es war eine enorm erfolgreiche Folge, offenbar treffen gute Ouvertüren den Nerv des Publikums. Spannend dabei ist, dass sie langsam aus den Konzertprogrammen verschwinden, da die meisten Programmmacher der Meinung sind, dass das traditionelle “Ouvertüre-Solokonzert-Symphonie”-Programm “verstaubt” ist. Da haben wir es wieder – etwas sehr Beliebtes verschwindet, weil einige wenige cognoscenti es als populistisch abtun. Überrascht hat mich, dass nicht eine Person die wohl berühmteste Ouvertüre genannt hat: Tschaikowskys Ouverture Solennelle. Auch nicht Rossinis Guillaume Tell-Ouvertüre. Auch meine Kollegen nicht, bevor ich dafür einstand. In den sozialen Medien tauchten sie dann auf, die Fans, und wir diskutierten angeregt über die verschiedensten Aufnahmen.

Mit russischem Chor, Kanonen und Kirchenglocken: Das Dallas Symphony Orchestra

Also nutze ich diese Kolumne, um der guten alten 1812 eine Bühne zu bieten. Meiner Meinung nach ist das ein enorm unterbewertetes Stück, das vor allem – wie auch die Guillaume Tell-Ouvertüre – wegen des Kriegs-Themas in Erinnerung bleibt, alles andere verweht. Aber was für ein großartiger musikalischer Ritt dieses Stück ist! Ein einziges, langes Crescendo eines überschäumenden Patriotismus’, beginnend mit einer inbrünstig-aufrichtigen Solostreicher-Version des orthodoxen Hymnus O Herr, schütze Dein Volk, zu einer Explosion einer spannungsgeladenen, alarmierenden Musik führend, mit rasselnder Snare Drum und dem ersten Auftritt des berühmten Kriegs-Themas. Dann der dramatische Wetteifer um die Vormachtstellung des Themas, La Marseillaise und dem russischen Volkslied U vorot. Die Musik bricht schließlich in eine ausgelassene Blech-Reprise von O Herr, schütze Dein Volk aus, das Kriegsthema wird mit der prä-revolutionären Nationalhymne Gott schütze den Zar unterlegt. Großartig! Und wer sich so richtig hineinwerfen möchte, sollte sich die 1966er Aufnahme mit Herbert von Karajan anhören, bei der ein russischer Chor die Streichereröffnung ersetzt und am Ende Kanonen und Kirchenglocken tönen. Oder die Aufnahme des Dallas Symphony, die genau das tut und am Ende außerdem den Chor noch einmal zum Finale zurückbringt.

Tun Sie sich etwas Gutes diese Woche und entdecken Sie dieses Wahnsinnsding wieder. Weitergehen könnte es dann mit der Guillaume Tell-Ouvertüre. Lassen Sie sich auf die wundervolle musikalische Reise ein, auf die diese Musik einlädt, noch bevor das große Kriegs-Thema erscheint. Wir alle können gerade ein bisschen Freude gut gebrauchen, und die kommt mit Getöse, bei 1812 buchstäblich. ¶

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