THE SOCIETY OF MUSIC: 11. August 2021

Die Standards über Bord werfen

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Charlotte Gardner
Charlotte Gardner
11.08.2021

Noch immer klingt in mir das Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestras mit Mirga Gražinytė-Tyla vom letzten Donnerstag – im Rahmen der BBC Proms – nach. Dieser enorm gute Abend eröffnete mit der Premiere der zweiten Symphonie von Ruth Gipps, die übrigens auch Oboistin des CBSO war. Gipps schrieb die Symphonie im Jahr 1945 – um damit das Ende des Zweiten Weltkriegs zu feiern, was auch in der Musik deutlich zu hören ist. Danach folgte eine weitere britische Symphonie, deren Tinte auf dem Autograph gerade so getrocknet war: Thomas Adès’ The Exterminating Angel Symphony von 2020, die aus seiner dritten Oper von 2016 hervorging, die das CBSO einen Tag vorher in Birmingham uraufführte. Nach der Pause dann Brahms’ dritte Symphonie. Es war also ein Programm, das den bekannten Standards des klassischen Konzertbetriebs folgte: Am Anfang das Unbekannte und/oder Zeitgenössische, um danach einen absoluten Publikumsliebling zu präsentieren. Letzterer dient auch als Lockmittel für die*den durchschnittlichen Konzertbesucher*in, damit sie sich überhaupt ein Ticket kaufen – und als Belohnung dafür, Musik ausgehalten zu haben, die weit außerhalb der eigenen Komfortzone liegt. Und ja, mit dem Brahms konnte ich meinen nicht gerade musikaffinen – und alles Moderne und Zeitgenössische kategorisch ablehnenden – Ehemann überzeugen, mich zu begleiten.

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Ruth Gipps.

Aber jetzt kommts: Vor allem der erste Teil hat uns beide am meisten begeistert. Es war großartig, Gipps bei den Proms zu hören. Sie wurde 1921 geboren und war eine Schülerin von Vaughan Williams – hatte zu Lebzeiten jedoch keinen Erfolg. Das lag nicht nur daran, dass sie eine Frau war: Sie schrieb tonale, melodiöse Musik mit üppigen Harmonien, die sie selbst als “offensichtlich und unausweichlich englisch” beschrieb – während einer Zeit, in der man erz-moderne Musik schreiben musste, um ernst genommen zu werden. Doch am Ende war es vielleicht doch am ehesten ihr Geschlecht, das den Erfolg verhinderte: Die serielle Komponistin Elisabeth Lutyens, eine Zeitgenössin Gipps’, wurde genauso an den Rand gedrängt. Gipps’ einsätzige – aber mehrteilige – zweite Symphonie ist ein grandioses Werk: Enorm ausdrucksvoll, stark an die pastorale Schule von Vaughan Williams erinnernd, dabei aber auch vollkommen individuell, originell und manchmal sogar waghalsig, was die Instrumentierung und Ideen angeht. Das Stück sollte unbedingt in das Konzertrepertoire aufgenommen werden. Das Adès-Stück ist eine großartige Tollerei: Basierend auf dem surrealistischen Film von Louis Buñuel aus dem Jahr 1962, bei dem es um eine Gruppe von gesellschaftlichen Charakteren geht, die sich auf einer Party nach der Oper treffen, eröffnet die Symphonie mit einem prahlerischem, irgendwie aus dem Gleichgewicht geratenen Gestolper, gefolgt von einem düster-heftigen Marsch im zweiten Satz (dessen kleine Trommel an eine Passage aus Gipps’ Stück erinnerte), dann eine romantische Berceuse im dritten Satz, dessen reichhaltige Instrumentierung manchmal großartig kribbelte, zum letzten Satz, der sich über Strauss-Walzer mokierte. Der abschließend folgende Brahms war ebenfalls wundervoll, aber hat sich mir nicht wirklich erschlossen: Dieses bekannte Stück fühlte sich seltsamerweise wie eine Antiklimax an.

Ein Ausschnitt aus Ruth Gipps' zweiter Symphonie.

Das hat mich nachdenklich gestimmt. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der sich alle Orchester und Konzerthäuser der Welt darauf verständigen, ausschließlich an den Rand gedrängtes Repertoire und Musik von heute auf’s Programm zu setzen. Das Beste des Übersehenen, muss ich da hinzufügen – auf ein Jahr Mittelmäßigkeit hätte ich keine Lust. Aber bitte keine Kern-Repertoire-Schmusedecken mehr. Jedes Konzert als ein neues Abenteuer für das Publikum. Eine Welt, in der Brahms’ großartige vier Symphonien durch Gipps’ vier Symphonien ausgetauscht werden – oder jedenfalls die von dem österreichischen Komponisten Franz Schmidt. Eine Welt, in der ein Land Komponist*innen erforscht, deren Werke die Lebenswirklichkeit anderer Länder spiegeln: Britische Konzerthäuser, die plötzlich mit den amerikanischen Symphonien von Charles Ives oder Walter Piston überflutet werden; deutsche und französische Häuser, die Vaughan Williams und William Walton spielen.

Das wird natürlich niemals passieren, vor allem jetzt nicht, wo ein noch immer Covid-verunsichertes Publikum erst wieder angelockt werden muss. Aber wäre das nicht faszinierend? ¶

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