Musikgeschichten: 25. Oktober (1875)

Doppelt hält besser. Tschaikowskys Klavierkonzert-Widmungen

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Malte Hemmerich
Malte Hemmerich
25.10.2019

Die Klavierkonzertliteratur wäre um einiges ärmer – ohne diesen majestätischen Beginn. Über die ganze Klaviatur muss der Pianist gleich zu Beginn von Tschaikowskys ersten Klavierkonzert greifen, um die glanzvolle Orchesterlinie zu begleiten. Später sogar in einem punktierten Rhythmus. Nie wurde das Tasteninstrument so herausragend eingeführt! Doch dann der Bruch: Dem triumphalen Beginn folgt eine simple melodische Passage, die Tschaikowsky, so sagt es die Legende, bei einem obdachlosen Pfeifer auf der Straße aufgeschnappt hatte. Noch dazu wird das Thema des Beginns, das sofort ins Ohr geht, im gesamten Konzert nie wieder aufgegriffen. Was soll das?

Der ewig zweifelnde Tschaikowsky erhoffe sich Zustimmung von seinem bewunderten Kollegen Nikolai Rubinstein, als er ihm dieses wahnwitzig schwere – und eben sehr bruchstückhaftes Konzert im Jahre 1875 vorstellte. Der kritische Pianist, dem Tschaikowsky das Werk noch dazu gewidmet hatte, spielte es auf dem Klavier an und war, gelinde gesagt, nicht angetan. Tschaikowsky berichtet später erschüttert einer Freundin:

»Er sagte, mein Konzert sei schlecht, unspielbar, die Läufe abgedroschen und ungeschickt, die Erfindung schwach. Gestohlen hätte ich auch hier und dort.«

Rubinstein will das Konzert weiterhin aufführen, nach ausgiebigen Veränderungen. Tschaikowsky lehnt diese wütend ab und ändert schnell seine Widmung. Er schickt die Noten an den deutschen Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow. Der ist zutiefst geschmeichelt und verspricht das Konzert aufzuführen.

Hans von Bulow

Hans von Bülow.

(Foto: Public Domain)

In Boston brachte von Bülow das neue Werk dem Publikum am 25. Oktober 1875 zu Gehör. Die Leute waren begeistert, das Finale, mit dem gefürchteten Doppeloktavenlauf kurz vor Schluss, musste wiederholt werden.

Das finale Rondo.

In Russland waren die ersten Aufführungen des Konzerts weniger erfolgreich. War das Konzert zu neu und mutig?

Rubinstein zumindest änderte seine Meinung über das Konzert einige Zeit später. Der dann versöhnte Tschaikowsky widmete ihm sein, heute fast ungespieltes, zweites Klavierkonzert. Ganz so reibungslos verlief auch diese Widmung nicht: Zufälligerweise verstarb Rubinstein genau am Tag der Uraufführung. ¶

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