Musikgeschichten: 21. April (2008)

Die verlorene Stradivari des Philippe Quint

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Bennet Seiger
Bennet Seiger
13.05.2022

Nicht selten hört und liest man von Musikern, die ihre wertvollen Instrumente irgendwo vergessen haben. 1999 beispielsweise lässt der Cellist Yo-Yo Ma sein Stradivari-Cello im Taxi liegen, der Fahrer bringt es zurück. 2010 vergisst der Geiger Conrad Muck (vom Berliner Petersen-Quartett) sein Instrument in der S-Bahn vom Münchner Flughafen in die Innenstadt. Eine Anekdote aus dem Jahr 2008 lässt sich besonders gut erzählen, denn sie hat Hollywood-Potenzial.

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Die “Kiesewetter-Stradivari” von 1732.

Es ist der frühe Morgen des 21. April 2008. Der russisch-amerikanische Geiger Philippe Quint kommt gerade am Flughafen Newark an, am Abend zuvor hatte er ein Konzert in Dallas gespielt. Er ist müde und übernächtigt. Ein Taxi fährt ihn zu seiner New Yorker Wohnung. Dort angekommen dämmert ihm im Moment der Abfahrt des Taxis eine schlimme Erkenntnis: Er hat die sogenannte Kiesewetter Stradivari auf dem Rücksitz vergessen. Sechs Stunden Anspannung und Ohnmachtsnähe beginnen; nachher erzählt Quint, es habe sich wie sechs Wochen angefühlt.

Die Stradivari Society hatte 2006 beschlossen, Philippe Quint die ehemalige Geige des Komponisten und Geigers Christoph Gottfried Kiesewetter als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Dafür musste Quint rund 6.000 Dollar Versicherungspfand hinterlegen und verpflichtete sich zu drei privaten Recitals für Mitglieder der Society. Die Geige wird heute auf ungefähr 4 Millionen Dollar (ca. 3,6 Millionen Euro) geschätzt.

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Philippe Quint

(Foto: Kirill Bashkirov)

Sofort informiert Quint das Taxiunternehmen und die Polizei; der Taxifahrer kann schließlich ausfindig gemacht werden. Er heißt Mohamed Khalil – bemerkt hatte er seinen kostbaren blinden Passagier erst durch die hysterischen Anrufe. Er fährt das Instrument sicher zu Quint zurück. Die Wiedersehensszene wird so beschrieben: Quint fällt vor dem Taxifahrer auf die Knie, gibt ihm einhundert Dollar und verspricht, am Newark International Airport ein halbstündiges Exklusivkonzert nur für Taxifahrer zu geben. Das findet kurze Zeit später tatsächlich statt: Am Flughafen wird ein Parkhaus kurzerhand behelfsmäßig zum Konzertpodium umfunktioniert. Quint spielte unter anderem das Thema aus dem Film Die rote Violine, Gershwins It ain’t Necessarily so, waghalsige Paganini-Variationen und die Méditation aus Massenets Oper Thaïs.

Die “Méditation” aus Massenets “Thaïs”

Die Überlieferung durch die New York Times will es etwas kitschig: Alle Anwesenden waren zutiefst gerührt von der großen Geste des Musikers; vor der improvisierten Bühne wurde getanzt und lauthals gelacht. Eine untypische Rezeptionshaltung für die vermeintliche E-Musik. Den Stradivari-Retter Khalil ludt Quint später noch zu einem Konzert in die Carnegie Hall ein. Damit aber nicht genug: Von der Stadt Newark bekam er auch noch eine Ehrenmedaille verliehen. Er soll noch am selben Tag in Rente gegangen sein, aber das klingt doch sehr nach einer ausgedachten Hollywood-Story.

Die Kiesewetter Stradivari ist aktuell an den Geiger Augustin Hadelich verliehen. Doch die Society war trotz Quints immensen Fauxpas’ gnädig: Er spielt heute die 1708er Ruby Stradivari. ¶

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