Musikgeschichten: 13. Juli (1951)

Die verfluchte Dreizehn

Zurück
Bennet Seiger
Bennet Seiger
13.07.2018

Betrachtet man die Liste von Phobien in einer bekannten Online-Enzyklopädie, dann beschleicht einen schnell ein Vorurteil: Es ist absurd. Doch für viele Menschen sitzen diese Ängste tief: Anatidaephobie – die Angst davor, von Enten beobachtet zu werden. Oder Hippopotomonstrosesquippedaliophobie – die Angst vor langen Wörtern. Wem das nicht reicht: Phobophobie, die Angst vor der Angst. Unter den Phobien gibt es eine für die Musikgeschichte bedeutsame: die Triskaidekaphobie – die Angst vor der Zahl 13. Ihr bekanntester Leidtragender war wohl Arnold Schönberg.

Tuer Door 13 16 9
Eine beliebte Zahl im Aberglauben: Die 13. (Foto: Creative Commons)

Es ist für sich schon eine Pointe, dass der Erfinder der Zwölftonmusik panische Angst vor der Dreizehn hatte. Doch die Phobie führte zu den seltsamsten Zwangshandlungen: Dem Titel der Oper Moses und Aron kappte Schönberg ein a, da er sonst 13 Zeichen umfasst hätte. Bei Listen mit 13 Punkten trug der letzte die Ziffer 12a. Als er 1935 die Arbeit am Konzert für Violine und Orchester op. 36 wieder aufnahm, notierte er auf Seite 13:

»Hier habe ich gehalten, als ich noch 29 hier bloß skizzierte Takte auszufüllen hatte und mich am 15. September für fast 3 Wochen ins Bett legen mußte: Seite 13, Arnold Schönberg.«

Auf einer anderen Seite markierte Schönberg den Takt 169 und versah ihn mit der Warnung 13x13. In Dreimal tausend Jahre ließ er die 13 lieber gleich ganz weg: Nach Takt 12 folgt Takt 12a, weiter geht es in Takt 14.

Der erste Satz des Violinkonzerts op. 36

So irrwitzig diese Zahlenspielereien wirken mögen, für Schönberg war es kein Aberglaube, sondern zutiefst empfundene Angst. Das Schicksal hat zudem manchmal die seltsame Begabung, den Finger besonders tief in die Wunde zu drücken: So wurde Schönberg ausgerechnet an einem 13. September geboren – der vermeintliche Freudentag führte ihn jedes Jahr an den Rand des Wahnsinns: Tränen, Zusammenbrüche, Angstzustände.

Doch warum diese Angst? Dazu gibt es verschiedene Versionen. Die eine besagt, er habe eine Sinti oder Roma besucht, die ihm die Zukunft weissagte. Sie warnte ihn eindringlich vor der 13, insbesondere vor dem 13. Juni und dem 13. Juli. Schönberg war da angeblich noch nicht einmal 20 Jahre alt – und glaubte der Dame umso mehr, als sie sein Geld ablehnte. Eine andere Überlieferung erzählt vom Jahr 1933, als die Schönbergs in die USA emigrierten. Der berüchtigte Hollywood-Guru Carroll Righter machte dem Ehepaar ihr Horoskop und gab ein wohl folgenschweres Versprechen: Alles werde besser, würde Schönberg nur die 13 meiden. Heißt: Keine Vertragsabschlüsse, Besuche oder Kontakte außerhalb des Hauses an einem Dreizehnten des Monats.

So oder so, am 13. Juli 1951 waren sich Arnold und Gertrud Schönberg einig: Den Tag sollte er besser im Bett verbringen. Die Überlieferung will es so: Die Zeiger der Uhr näherten sich der 13. Stunde, mit jedem Ticken wurde sein Herz langsamer. Er entschlief an einem Freitag den 13. Das Schicksal ist ein mieser Verräter. ¶

2.000+ ausgewählte Videos
Regelmäßige exklusive Live-Konzerte aus aller Welt
Täglich neue Musik-Geschichten
Konzertführer
CD-Empfehlungen
Keine Werbung