Musikgeschichten: 14. Januar (1900)

Bombendrohung und Bombenerfolg

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Monika Beer
Monika Beer
14.01.2019

Eine Oper wie Giacomo Puccinis Tosca, in der die drei Protagonisten Scarpia, Cavaradossi und die Titelfigur brutal umkommen, hat eigentlich schon genügend Gewaltpotenzial. Bei der Uraufführung am 14. Januar 1900 im Teatro Constanzi in Rom, die mit entsprechendem Andrang von Prominenz aus Politik und Kultur auch ein gesellschaftliches Ereignis war, kam noch eine Bombendrohung hinzu. Die führte zwar zunächst zu einem frühen Abbruch der Vorstellung, war aber kein Hindernis für den folgenden Siegeszug von Puccinis fünfter Oper auf den Bühnen der Welt. Was konkret wohl auch Dirigent Leopoldo Mugnone zu danken war, der trotz schlimmer einschlägiger Erfahrungen angemessen reagierte. Der Maestro hatte vor Jahren bei einer Aufführung im Liceo von Barcelona erleben müssen, wie eine Bombe im Theater etliche Zuschauer in Stücke zerriss. Als die Unruhe hinter den Kulissen und auch durch Zuspätkommende im Zuschauerraum nicht mehr tragbar war und der Vorhang fiel – Italien stand Anfang 1900 unter König Umberto I. und dem bei der Uraufführung anwesenden Ministerpräsidenten Luigi Pelloux quasi unter einer Militärherrschaft wie genau hundert Jahre zuvor bei der Geschichte von Tosca und Scarpia – ließ er das Orchester verstummen, verwarf den polizeilichen Ratschlag, mal eben den Königsmarsch zu spielen, wartete lieber ab und begann nach zehn Minuten, nochmals ganz von vorne zu dirigieren.

Tosca

Uraufführungsplakat von Puccinis “Tosca”.

(Foto: Public Domain)

Die weiteren Unterbrechungen der Oper nach dem erfolgreichen Schauspiel La Tosca von Victorien Sardou waren nur noch von angenehmer Natur, nämlich durch Beifall herbeigeführte Wiederholungen der zentralen Arien Recondita armonia, Vissi d’arte und E lucevan le stelle sowie des ganzen Finales des ersten Akts und des Duetts von Tosca und Caravadossi im dritten Akt. Zum zweiten Akt kam übrigens, wie angekündigt – und was die Bombendrohung umso plausibler macht –, nach einem Diner im Quirinal-Palast auch Königin Margherita, die dem jungen Puccini ein Stipendium fürs Studium in Mailand gewährt hatte. Anwesend waren außerdem Kultusminister Guido Baccelli, der römische Bürgermeister Prinz Colonna, Senatoren und Abgeordnete, die Komponisten Francesco Cilea, Mario Pasquale Costa, Alberto Franchetti, Filippo Marchetti, Pietro Mascagni, Giovanni Sgambati und Siegfried Wagner mit Malwida von Meysenburg – sowie etliche Vertreter der wichtigsten europäischen Zeitungen und Korrespondenten amerikanischer Blätter. Die Kritiker reagierten unterkühlt und eher negativ, wie Alfredo Colombani, er im Mailänder Corriere della Sera beklagte, dass Tosca gar kein melodramma im herkömmlichen Sinne sei, weil die Musik sich nicht entfalten und verweilen könne:

»Hier gibt es nur eine nackte Handlung und sich überstürzende Ereignisse. In Tosca ist alles schwarz, tragisch entsetzlich.«

Im Nachhinein kann man sich natürlich fragen, ob die Kritiker sich von der gegebenen Unruhe anstecken ließen, einfach kurzsichtig waren oder Puccini den Erfolg nicht gönnen wollten, den er anders als bei der Bohème vier Jahre zuvor beim Publikum schon hatte. Es gab aus dem Auditorium keine Buhrufe, keine Proteste. Der Komponist selbst wehrte die Glückwünsche seines Freunds und Ratgebers in kirchlich-liturgischen Fragen Pietro Panichellis wie folgt ab:

»Ein wirklicher Erfolg ist es nicht. Er wird kommen, da bin ich sicher, aber heute Abend war er es nicht.«

"Vissi d’arte”: Maria Callas singt Tosca.

In Wirklichkeit war es ein Bombenerfolg. Innerhalb von nur drei Wochen gab es vierzehn ausverkaufte Vorstellungen im Teatro Constanzi und Rekordeinnahmen für das spätere Teatro dell’Opera di Roma, das von der Ausstattung durch Adolf Hohenstein, dem Chefbühnenbildner der Mailänder Scala, auch noch viel später profitieren sollte. 1964 ließ der Regisseur Mauro Bolognini die Originalausstattung Hohensteins für die an römischen Originalschauplätzen spielende Oper erstmals rekonstruieren. Im Jahr 2010 wurden die historischen Bilder vom Innenraum der Kirche Sant’Andrea della Valle, einem Arbeitszimmer im Palazzo Farnese sowie die Plattform der Engelsburg aus dem Fundus geholt und erneut wiederbelebt. Und die jüngste Rekonstruktion der Uraufführungsproduktion feierte am 14. Oktober 2016 unter Regisseur Alessandro Talevi Premiere. ¶

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