Musikgeschichten: 28. Juli (1750)

Bachs Tod: Ein magischer Moment?

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Holger Noltze
Holger Noltze
28.07.2018

Wie starb der alte Bach? Darüber kann man etwas lesen im Nekrolog, den der Bachsohn Carl Philipp Emanuel verfasst hat und der einiges interessante Material zu Leben und Werk des großen Meisters enthält, übrigens auch zum Sterben: Wir lesen einen Bericht vom Sterben eines großen Mannes. Bach hatte sich, fast erblindet, einer Augenoperation unterzogen. „Doch diese“, schreibt der Sohn, „lief sehr schlecht ab: Er konnte nicht nur sein Gesicht nicht wieder brauchen: sondern sein, im übrigen überaus gesunder Cörper, wurde auch zugleich dadurch, und durch hinzugefügte schädliche Medicamente, und Nebendinge, gäntzlich über den Haufen geworfen..."

»... darauf wurde er von einem Schlagflusse überfallen; auf diesen erfolgte ein hitziges Fieber, an welchem er am 28. Julius 1750, des Abends nach einem Viertel auf 9 Uhr, im sechs und sechzigsten Jahre seines Alters, auf das Verdienst seines Erlösers sanft und seelig verschied.«

So also Carl Philipp Emanuel, der nur zwischen den Zeilen durchblicken lässt, dass sein Vater auch Opfer eines reisenden Quacksalbers geworden war. Lieber fügt er dem Bericht eine Aufzählung seiner künstlerischen Hinterlassenschaft an, die hier, sehr summarisch geordnet, noch auf zwei Seiten passt. Unter Punkt 8 der „durch den Kupferstich gemeinnützig“ gemachten Werke findet sich Die Kunst der Fuge mit folgendem Kommentar: „Diese ist das letzte Werk des Verfassers, welches alle Arten der Contrapuncte und Canonen, über einen einzigen Hauptsatz enthält. Seine letzte Kranckheit, hat ihn verhindert, seinem Entwurfe nach, die vorletzte Fuge völlig zu Ende zu bringen.“

Bach unfinishedfugue

Das unvollendete Autograph des "Contrapunctus Nr. 14"

Gemeint war der Contrapunctus Nr. 14, dessen Autograph tatsächlich abbricht, was untypisch für einen Vollender wie Bach ist. Und das gerade kurz nach dem bedeutenden Moment, wo Johann Sebastian seine Namensnoten – B-A-C-H –ins Fugengeflecht eingebaut hatte. 

„Über dieser Fuge, wo der Nahme BACH im Contrasubjekt angebracht worden, ist der Verfaßer gestorben“, trägt der Sohn an die bewusste Stelle im Autograph ein. Der Welt-Meister der mehrstimmigen Musik bricht über dem kühnsten aller irdischen Mehrstimmigkeitsprojekte zusammen: So wurde der Tod Bachs zu einem magischen Moment, weil Gott selbst seinem besten musikalischen Diener die Feder aus der Hand nahm.

Der "Contrapunctus Nr. 14" in einer Version für Streichquartett.

Eine gute Geschichte, nur stimmt sie nicht. Bach hatte an seiner ultimativen Kunst der Fuge schon Anfang der 1740er Jahre geschrieben, der große Contrapunctus Numero 14 war eben nicht das letzte Werk, sondern zwischen August 1748 und Oktober 1749 verfasst und schlicht liegengeblieben. ¶

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