Musikgeschichten: 11. Februar (1900)

Alma und Alexander – eine unmögliche Liebe

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Jonas Zerweck
Jonas Zerweck
11.02.2022

Sie war eine junge Kunstinteressierte. 20 Jahre alt, nahm Kompositionsunterricht, las viel Literatur, ging oft ins Theater. Er war gerade Kapellmeister am Wiener Carltheater geworden, und als Komponist mit immer größeren Erfolgen. Sie sah ihn im Februar 1900 das erste Mal. Da dirigierte er im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins die Uraufführung seiner Kantate Frühlingsbegräbnis.

Alexander Zemlinsky: “Frühlingsbegräbnis”, der erste Satz.

Über diesen Alexander Zemlinsky schrieb jene junge Dame am 11. Februar 1900 in ihr Tagebuch:

»Eine Carricatur – kinnlos, klein, mit herausquellenden Augen und einem zu ›verrückten‹ Dirigieren.«

Sie hieß Alma Schindler. Entgegen ihrem Eindruck vom 29-jährigen Zemlinsky würden sie bald eine Liebesbeziehung beginnen. Almas Eindruck änderte sich nicht, attraktiv fand sie Alex, wie sie ihn bald nannte, nie. Sie bewunderte seinen Geist, seine Musik, seine Intelligenz. Trotz der offenbar fehlenden Attraktivität hatte er eine starke, erotische Ausstrahlung auf sie. Zumindest berichtete sie in ihrem Tagebuch davon.

Alma Mahler

Die junge Alma Schindler.

(Foto: Public Domain)

Auf einer Soiree lernten sie sich persönlich kennen. Erneut vertraut sie sich ihrem Tagebuch an:

»Ich fand ihn immer noch furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn – und doch gefiel er mir ausnehmend.«

Sie unterhalten sich lange und gut an dem Abend. Schon bald danach beschließt Alma bei Alexander Kompositionsunterricht zu nehmen. Doch der Beginn ist holprig. Er schreibt ihr:

»Es sind in den drei Liedern so unerhört viele Fehler, dass mir der Kopf brummte.«

Alma Schindler: „Laue Sommernacht“ aus ihren 5 Liedern.

Man kann dem strengen Lehrer nicht vorwerfen, dass er besonders nachgiebig mit seiner Lieblingsschülerin umgegangen wäre.

Jedenfalls hinderten alle Fehler und jede Hässlichkeit dieser Welt die beiden an ihrer Liebelei. Alexander liebte Alma abgöttisch, heißt es. Aber auch nicht uneingeschränkt, denn ihn störte die Eitelkeit der Salons, in denen sie sich so gerne bewegte. Zemlinsky sprach sogar abfällig vom „Cliquentum verkalkten Seelen“. Davor ist auch dieser Hinweis an Alma zu verstehen:

»Entweder Sie componieren oder Sie gehen in Gesellschaften – eines von beiden. Wählen Sie aber lieber das, was Ihnen näher liegt – gehen Sie in Gesellschaften.«

Am Ende sollte es nicht funktionieren. Sie sträubte sich gegen eine Heirat mit dem Mann, den sie nie besonders attraktiv fand, und lernte dann auch noch einen anderen kennen. Jemanden besonderes, der in die Geschichte eingehen sollte und gesellschaftlich für sie noch bedeutender war: Gustav Mahler. ¶

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