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Bernstein, Villa-Lobos & Strawinsky

There's a Place for Us

Spano, Royal Philharmonic Orchestra, Sierra
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Nadine Sierra durchwandert das amerikanische Opern- und Liedrepertoire – ergänzt um Villa-Lobos und Strawinsky. Mit ihrem Grammophon-Vertrag ist sie auf dem Weg nach oben – ihre Stimme verdient das. Ein kraftvoller Sopran voller Ausdruck mit angenehmer Höhe – mit stetigem Brust-Fundament. In Bernsteins "Glitter and Be Gay" aus Candide zeigt sie auf humorvolle Weise das ganze Repertoire ihrer Stimme – vom brummigen Gelächter zu wildem Gequietsche und absurden Koloraturen. Das Royal Philharmonic Orchestra unter Robert Spano trägt sie luftig durch die Partituren.
t1 Konzertführer
Heitor Villa-Lobos
Heitor Villa-Lobos

Rio de Janeiro, 5. März 1887 – Rio de Janeiro, 17. November 1959

Als „schillernden Urwaldvogel aus dem Amazonas“ bezeichnete er sich trefflich selbst: Heitor Villa-Lobos, der bedeutendste Komponist des lateinamerikanischen Kontinents, ein rhapsodisch-vitaler Charakter. Nachdem er im Alter von zwölf Jahren den introvertierten, literarisch und musikalisch gebildeten Vater verloren hatte, durchlebte Villa-Lobos in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro eine entbehrungsreiche und unstete Jugend. Von der Mutter ließ sich der junge Bohemien nicht bändigen. Er floh jede regelmäßige Arbeit, trieb sich mit Freunden herum und brachte sich selbst bei, die Gitarre zu spielen. All die ungestümen Tänze und melancholischen Lieder der Straßenmusikanten faszinierten ihn, ihre Tangos, Mazurkas und Chôros. Um die Jahrhundertwende schlug sich Villa-Lobos als Cellist in Kaffeehäusern und Varietés durch und begann, zu komponieren. Etliche Versuche mit systematischem Unterricht schlugen freilich fehl. Doch studierte der Autodidakt bald intensiv Partituren aus Europa (Wagner, Verdi, Rimskij-Korsakow, Debussy) und verarbeitete rastlos schreibend die verschiedensten Eindrücke so unbeholfen wie kühn. Auf einer weiten Reise durch Brasilien lernte er den Reichtum der Folklore seiner Heimat kennen. Langsam wurde ihm sein Ziel als Komponist klar: eine brasilianische Nationalmusik. Darius Milhaud, von 1917 bis 1919 in Rio, wird auf ihn aufmerksam, Arthur Rubinstein verbreitet erste gültige Klavierminiaturen. Schließlich finden sich Mäzene, die es dem jungen Komponisten 1923 ermöglichen, ins Mekka der damaligen Kunstwelt, nach Paris zu gehen. Angekommen, erklärt Villa-Lobos selbstbewusst: „Ich bin nicht gekommen, um bei Ihnen zu studieren. Vielmehr bin ich gekommen, um Ihnen zu zeigen, was ich getan habe!“ Der schwadronierende Exot aus Brasilien wird in Frankreichs Metropole bald beliebt. Seine fruchtbarste Schaffensperiode beginnt. Nach einem zweiten Paris-Aufenthalt 1927 wird Villa-Lobos 1930 Direktor der Academia Brasileira de musica in seiner Heimat und gründet 1942 das Conservatorio Nacional de Canto Orfeônico. Nicht alles in seinem über tausend Werke sämtlicher Gattungen umfassenden Oeuvre ist von gleich hohem Wert. Neben den vielen spielfreudigen Solokonzerten (für Klavier, Cello, Gitarre, Harfe) gibt es sieben Symphonien mit meist programmatischen Titeln. Villa-Lobos versuchte sich hier mit unterschiedlichem Erfolg an einer Form, die nicht die seine war und sammelte Erfahrungen mit ausgefallenen, an Richard Strauss orientierten Instrumentationen. Der symphonischen Dichtung Amazonas (1917) liegt eine brasilianische Legende zugrunde. Klänge des Urwalds sind hier musikalisch möglichst getreu wiedergegeben, Vogelrufe, unheimliches Weben der Natur. Im Zentrum seines Schaffens stehen seine fünfzehn Chôros, die für ganz unterschiedliche Kombinationen von Instrumenten und Stimmen geschrieben sind. Der Komponist schreibt aus der Tradition der Chôroensembles, knüpft an die rhapsodische Straßenmusik seiner Heimatstadt an. Hier lässt er seiner reichen Phantasie freien Lauf. Chôro Nr. 10 für Chor und Orchester (1926), das bekannteste und formal überzeugendste symphonische Werk, versucht die Reaktion des zivilisierten Menschen auf die Natur zu deuten. Packende, ekstatische Rhythmen sind organisch von einer volkstümlichen Melodie durchwirkt, die ihre feine Melancholie nicht zu verbergen vermag.

„Im selben Augenblick, in dem dieses Lied einsetzt“, schreibt Villa-Lobos, „wird das brasilianische Herz eins mit dem brasilianischen Land.“ Dass der Autodidakt gelernt hat, lebendige und äußerst kunstvolle Polyphonien zu schreiben, verdankt er auch seiner wohl schon vom Vater inspirierten Liebe zu Johann Sebastian Bach. Die neun in Besetzung und Form sehr unterschiedlichen Bachianas Brasileiras gehören zum Besten, was Villa-Lobos geschaffen hat. Hier versuchte er, den universalen Charakter Bach‘scher Musik mit dem Idiom seiner heimatlichen Klänge zu verschmelzen. Für jeden Satz sind deshalb zwei Titel gewählt: ein vorklassischer und ein brasilianischer. Die Bachiana Brasileira Nr. 5 für Sopran und Violoncello-Orchester (1938 bis 1945) ist das berühmteste Stück des Komponisten. Intensiv und wehmütig die weitgespannte Gesangslinie der Singstimme in der ‚Aria‘ (bzw. ‚Cantilena‘). Die Würde und Klarheit einer Bach‘schen Melodie scheint durchdrungen von tropischem Sentiment. Im zweiten Satz ‚Dansa‘ (oder ‚Martelo‘) folgt der Komponist den rhythmischen Impulsen seines lateinamerikanischen Lebensgefühls. Für Heitor Villa-Lobos, dem Komponieren „biologische Notwendigkeit“ war, bestand die Rolle des Schöpfers darin, „dem Volke die Musik zu nehmen, sie in seinem Herzen und seiner Seele wirken zu lassen und sie anschließend demselben Volke wiederzugeben“.
Helmut Rohm

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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