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Sergei Prokofjew

Prokofjew: Symphonie Nr. 1 "Klassische"/ Symphonie Nr. 5

New York Philharmonic Orchestra
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Dass diese Aufnahme 1967 entstanden ist, hört man nicht. Doch das ist nicht allein der Digitalisierung zu verdanken: Die Aufnahme ist ein auditives Zeugnis Bernsteins grenzenlosem Vermittlungswillens, seiner Modernität – aber auch seines Humors. Über Prokofjews Klassische sagte er eins, er hätte laut lachen müssen, als er sie das erste Mal hörte. Genau so klingt sie auch: Zeitlos, frisch, unverkopft und verspielt.
t1 Konzertführer
Sergei Prokofjew
Sinfonietta A-dur op. 5 (op. 48), Symphonie Nr.1 D-dur op. 25, Symphonie Nr. 2 d-moll op. 40

Das erste wichtige symphonische Werk Prokofjews ist – nach zwei eher missglückten Symphonien – die Sinfonietta A-dur op. 5. Der Achtzehnjährige schrieb sie nach seinem Kompositionsexamen im Sommer 1909. Die Sinfonietta dokumentiert in ihren fünf knappen Sätzen die Auseinandersetzung des jungen Komponisten mit der musikalischen Vergangenheit, zumal des 18. Jahrhunderts, wie er sie am Konservatorium kennengelernt hatte. Dabei bilden die Ecksätze im Allegro giocoso mit ihrer transparenten, einfachen Faktur einen gewissen Kontrast zu den harmonisch und rhythmisch komplexeren Mittelsätzen. Leidenschaftlichen Charakter hat besonders das Scherzo. Der zweite Satz, das Andante, weist zudem mit seinem ostinanten Bass eine kompositorische Eigenart auf, die Prokofjews Stil zeitlebens kennzeichnen sollte.

Prokofjew selbst war mit seinem Jugendwerk nicht zufrieden, bemängelte vor allem seine zu dicke Instrumentation. 1914 erfolgte die erste Revision, in deren Gefolge es auch zur Uraufführung am 6. November 1915 kam. Noch einmal revidierte Prokofjew die Sinfonietta im Jahre 1929; so umfassend, dass das Werk die neue Opuszahl 48 erhielt.
Die Beschäftigung mit der Musik des späten 18. Jahrhunderts – in der Sinfonietta schon unverkennbar, aber gleichsam unausgegoren – kulminiert in der 1916/17 entstandenen Symphonie classique D-dur op. 25, Prokofjews erste Symphonie. Sie ist heute sein weitaus bekanntestes Werk, ist als Ganzes eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem ‚klassischen‘ Stil, besonders des späten Haydn. „Es schien mir“, so schreibt Prokofjew, „dass Haydn, wenn er bis in unser Jahrhundert gelebt hätte, seinen eigenen Kompositionsstil behalten, aber bestimmte Momente der neueren Musik absorbiert hätte. Ich wollte eine Symphonie schreiben, die einen solchen Stil hätte.“ So entstand denn keine bloße Kopie der klassischen Symphonie, vielmehr reichert Prokofjew das historische Modell mit kompositorischen Mitteln des 20. Jahrhunderts an: mit unvermittelten harmonischen Rückungen (etwa im Hauptthema des ersten Satzes), verschobenen Rhythmen und ironisch ‚verfremdeten‘ Melodien. Nicht naive Nachahmung historischer Techniken, sondern die distanziert-gebrochene Anverwandlung der Vergangenheit ist das Anliegen der Symphonie classique. Mit ihr erweist sich Prokofjew als einer der herausragenden Vertreter des Neoklassizismus, weitaus mehr als etwa Igor Strawinsky, dessen Werke sich eher an Bach und dem Barock orientieren. Als Wiederaufnahme der Wiener Klassik hingegen ist die Symphonie classique im 20. Jahrhundert ein singuläres Werk, das selbst – wie es wohl Prokofjew nicht ohne Hintersinn beabsichtigte – zu einem „Klassiker des Konzertsaals“ wurde.

Die vier Sätze der Symphonie orientieren sich an den Satzcharakteren der klassischen Symphonie, mit zwei tanzartigen Mittelsätzen. Der erste Satz, ein traditioneller Sonatensatz, stellt ein quirliges, von gebrochenen Dreiklängen und (figurierten) Skalen geprägtes Hauptthema einem tänzerisch-leichten Seitenthema gegenüber. Die Durchführung, auch sie sehr einfach und klar konzipiert, verarbeitet abwechselnd beide Themen, transformiert vor allem den Seitensatz in die „rumpelnden Schritte eines Riesen“, so der Prokofjew-Biograph Israil Nestjew.
Ein wundervoll zartes Menuett ist der zweite Satz. Das Thema wird von den Violinen in höchsten Lagen vorgetragen – wie die kleinen kapriziösen Einsprengsel wohl eine ironische Distanzierung vom Zitierten, zugleich die Markierung historischer Distanz. Bereits im Jahre 1916 entstand die Gavotte. Typisch für Prokofjews Stil sind darin vor allem die unbekümmerten Rückungen und Reibungen zwischen nebeneinandergesetzten Dur-Akkorden sowie die häufigen Trugschlüsse. Der Mittelteil ist eher volkstümlich; er greift ein russisches Volkslied auf.
Der Schlusssatz bezieht sich thematisch auf den Kopfsatz und schließt das Werk so zu einem Ganzen zusammen. In raschem Tempo und mit frisch-lebendigem Tonfall schließt munter das Werk.
Die zweite Symphonie d-moll op. 40 könnte in ihrem bruitistischen Charakter zur Symphonie classique nicht gegensätzlicher sein. Mit ihr wehrte sich Prokofjew, der nach seiner Emigration und einigen Wanderjahren sich in Paris niedergelassen hatte, gegen den von der dortigen Avantgarde erhobenen Vorwurf des Epigonentums. Arthur Honeggers Pacific 231 vor Augen, komponierte er ebenfalls ein Werk ‚aus Eisen und Stahl‘: modern, laut und schockierend.

Die Anstrengungen und Mühen, die Prokofjew die Kompositionsarbeiten in einem ihm letztlich fremden Stil kosteten, scheinen gewissermaßen im Werk selbst auf: in den artifiziellen, künstlich wirkenden Melodien, den übereinandergeschichteten Ostinati des ersten Satzes, die die Faktur überfrachten, einer harten gewollten Atonalität. Selten bricht die Gewalt bruitistischer Klänge und großer Lautstärken in Prokofjews Werk unvermittelter durch als in diesem Satz.
Der zweite Satz – nach dem Vorbild von Beethovens Klaviersonate c-moll op. 111 als Variationensatz konzipiert – sollte nach Prokofjews Willen Ruhe und Entspannung bringen, doch vermag sich seine lyrische Veranlagung unter den gewählten ästhetischen Prämissen nicht recht zu entfalten. Wenn auch das Urteil Israel Nestjews, im Ganzen sei die Symphonie „eine befremdliche Kombination von chaotischer Barbarei und dem ‚style mecanique‘“, vornehmlich der Apologie des späten Prokofjew dienen soll – im Oeuvre des Komponisten stellt die zweite Symphonie eher einen Fremdkörper dar. Sie ist denn auch heute nur sehr selten im Konzertsaal zu hören.
Rainer Pöllmann

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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