Cookies und soziale Netzwerke erleichtern die Bereitstellung dieser Webseite. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit dem Einsatz dieser Technologien einverstanden.
Weitere Informationen
Michael Tilson Thomas

New World Jazz

Tilson Thomas, New World Symphony
Zurück
Michael Tilson Thomas schnürt mit seinem Nachwuchsorchester ein Album zusammen, das von der ersten bis zur letzten Sekunde unterhält. Unterhaltung ist hier alles andere als ein Schimpfwort: Die Jugendlichkeit durchströmt jedes einzelne Werk, lässt gerade das Dreckige des Jazz nach vorne und exponiert die Rhythmen. Jazz auf der Stuhlkante.
t1 Konzertführer
George Gershwin
George Gershwin

New York, 26. September 1898 – Beverly Hills, 11. Juli 1937

Geboren im New Yorker Stadtteil Brooklyn als Sohn russisch-jüdischer Emigranten wuchs Gershwin, der eigentlich Jacob hieß, immer aber nur George genannt wurde, in der Stadt auf, die man mit Sicherheit als das kulturelle Zentrum des ‚melting-pot‘, des Schmelztiegels Amerikas, bezeichnen kann. Und dass er New York und damit auch amerikanisches Wesen genau kannte, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass George Gershwin und seine Familie bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr New York kreuz und quer durchzogen, dass sie nicht weniger als fünfundzwanzigmal in dieser Zeit die Wohnung wechselten. Sicherlich hing das auch mit den vielfältigen Berufen, Beschäftigungen und Unternehmungen seines im besten Sinne ‚geschäftigen‘ Vaters und dessen Allroundtalent zusammen. Von ihm lernte Gershwin den ‚american way of life‘, das Durchhalten, das zähe und unerschrockene Verfolgen des einmal gesetzten Ziels, das für ihn von frühester Jugend an ‚Musik‘ hieß. Klavierspielen hatte er durch Zuhören und Nachspielen von klassischer Musik, von Schlagern, Ragtimes und Jazz gelernt, nicht zuletzt deshalb war und blieb Improvisation ein zentrales Merkmal seines Kompositionsstils.

Seinen Ruhm begründet hat Gershwin als ‚Songschreiber‘ für Musicals, Comedies und Revuen mit Liedern wie Swanee für Al Jolson beispielsweise. Popularität und eigene musikalische Aussage, Überwindung stilistischer Grenzen und das Schaffen einer originär amerikanischen Kunstmusik, die alle Wurzeln aufgenommen hat und sich nicht in den elitären Sphären unverstandener Elfenbeinturmregionen verliert, das war Gershwins kompositorisches Ziel, zumindest seit seinem Durchbruch in die Gefilde der sogenannten Ernsten Musik, den er 1924 mit der Rhapsody in Blue erzielte. Paul Whiteman hatte Gershwin gebeten, für sein dreißigköpfiges Jazzorchester ein symphonisches Werk zu schreiben. In der relativ freien, un-eingeengten Form der Rhapsodie entwarf Gershwin zunächst eine Fassung für zwei Klaviere, dreiteilig in der Anlage mit einem melodisch betonten Mittelteil und rhythmisch pointierten Eck-‚Sätzen‘. Für die Besetzung dachte sich Gershwin ein Klavier und ein symphonisch besetztes Jazzorchester, die Instrumentation selbst war nicht seine Aufgabe, das besorgte Whitmans Pianist und Arrangeur Ferde Grofé. Die ‚blue notes‘, der erniedrigte dritte und siebte Ton der Tonleiter, die die charakteristischen Merkmale des Blues sind und dieser Musik die typische melancholische Moll-Färbung verleihen, prägen vor allem den Mittelteil und korrespondieren auch mit den ausgedehnten Solopassagen des Klaviers, die in ihrer Unmittelbarkeit wie improvisiert klingen. (Auch der Titel des Werkes bezieht sich auf die ‚blue notes‘ und zeigt Gershwins enge Beziehung zum Jazz und der volkstümlichen Kunstmusik der Schwarzen.) Die Synkopierungen und energischen Repetitionen machen einen Hauptteil der Faszination aus, den die rhythmisch durchgefeilten raschen Abschnitte ausstrahlen. Das rastlose, pulsierende Großstadtleben, der Lärm und die Hektik des New York der zwanziger Jahre scheinen bis heute in dieser Musik verkörpert.

Der Erfolg, den die Rhapsody in Blue hatte und an den auch die Second Rhapsody für Klavier und Orchester (1932) nicht heranreichen konnte, hatten unter anderen Sergej Rachmaninow, Igor Strawinsky, Jascha Heifetz, Mischa Elman, Fritz Kreisler, Leopold Stokowski und Walter Damrosch bei der Uraufführung in der Aeolian Hall in New York miterlebt. Damrosch gab ihm den nächsten Auftrag für ein großes Orchesterwerk im Namen der New York Symphony Society, obwohl Gershwin weiterhin zahlreiche Musiknummern für Musical Comedies schrieb. Gershwin entschloss sich zu einem regulären Klavierkonzert, dem Concerto in F (1925), das er nun selbst orchestrierte und dadurch alle Vorurteile ausräumte, die sich bei der Rhapsody in Blue eingestellt hatten, Gershwin sei Unterhaltungskomponist und wisse nicht, klassische Werke zu instrumentieren. Die traditionelle Form des Klavierkonzerts ist aufgebrochen, obwohl im ersten Satz die Sonatenform erkennbar bleibt. Rhythmische Akzentuierung und differenziert eingesetzte Instrumente verleihen dem Allegro einen aggressiven Impetus, der an den vehementen Beginn von Tschaikowskys b-moll- Konzert erinnert. Einzelne Motive werden aufgegriffen und weitergeführt, entwickelt im Wechselspiel zwischen virtuos angelegtem Klavier und dem Orchester. Der dreiteilige Andante-Satz setzt die Qualitäten des Mittelteils der Rhapsody fort: Ausdrucksstärke, sehnsuchtsvolle Melodik und ‚komponierte Improvisation‘ treten zusammen und belegen den hohen kompositorischen Rang, den Arnold Schönberg seinem Freund und Tennispartner Gershwin attestierte. Das Finale in freier Rondoform greift den Kopfsatz wieder auf, indem es das Paukenmotiv des Anfangs in die Coda integriert und durch motorisch pochende Klavierrepetitionen dem Allegro ein vital-kraftvolles Pendant voller Elan entgegensetzt.

Das Ergebnis einer Europareise im Jahre 1928 war eine Tondichtung für großes Orchester im autobiographischen Gewand: An American in Paris, nach Gershwin selbst ein „rhapsodisches Ballett“. Gershwins Absicht war es, „die Eindrücke eines amerikanischen Besuchers wiederzugeben, der in der Hauptstadt herumstrolcht und die fremdartige Atmosphäre aufnimmt“: Dazu gehören originale Pariser Taxihupen, authentisch anmutende Pariser Tanzsaalmusik und schließlich die bereits erprobten Jazz- und Blues-Elemente. Inmitten dieser „bisher modernsten Musik, die ich geschrieben habe“ (Gershwin), geprägt von „allgemein impressionistischer Art“, platzt plötzlich eine Charleston-Melodie, die nichts mehr mit Paris zu tun hat, sondern Amerika wieder ins Gedächtnis ruft. Karl Schumann deutete diese amerikanische Reminiszenz in treffender Weise: „Die Musik von An American in Paris hat ein wichtiges Erlebnis des Yankee zum Gegenstand: den Eindruck eines Besuchs in Europa. Doch überantwortet sich der Amerikaner nicht mehr rückhaltlos den europäischen Eindrücken. Er fühlt Heimweh nach den Staaten. Und das ist am Ende ein Zeichen seines erstarkten Selbstgefühls. Er weiß sich Europa nicht mehr unterlegen.“ Gershwin wird zum Komponisten Amerikas, nachdem er sich von Europa emanzipiert hat, und so schreibt er 1932 ein weiteres amerikanisches Stück, in das musikalische Fremdeinflüsse eingegangen sind, diesmal kubanische Rumba-Rhythmen und mittelamerikanische Instrumentation: die Cuban Ouverture.
Ein Denkmal seinen hinreißenden Songs, von denen einige zu Evergreens, zu amerikanischen Volksliedern geworden sind, setzt Gershwin mit den Variationen über ‚l got rhythm‘ für Klavier und Orchester (1934). Ein Jahr später dann wird das Werk uraufgeführt, das Gershwins Ruf als der erste national-amerikanische Komponist zementiert: Porgy and Bess, die Oper, die in den Südstaaten, in den Slums der Schwarzen von Harleston spielt, die Spirituals und Bluesgesänge mit Gershwins eigenem musikalischen Idiom zu der amerikanischen Oper vor der West Side Story verschmilzt. Noch vor seinem frühen Tod im Jahre 1937 fasste Gershwin fünf Nummern aus der Oper zu einer Suite zusammen, die er nach dem Handlungsort der Oper Catfish Row nannte (1936). Es ist die einzige von Gershwin selbst autorisierte Suite, die neben den anderen nach seinem Tod flink zusammengeschusterten bis 1958 völlig in Vergessenheit geraten war.
„The only real american music“ sei Gershwins Werk für ihn, meinte Arturo Toscanini, der entscheidend dazu beitrug, dass sich Gershwins Musik endgültig den ‚seriösen‘ klassischen Konzertsaal eroberte, wo sie heute jedoch – leider – viel zu selten zu hören ist.
Irmelin Bürgers

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
300+ ausgewählte Videos
Konzertführer
5 Geschichten pro Monat
Keine Werbung
CD-Empfehlungen
300+ ausgewählte Videos
Konzertführer
5 Geschichten pro Monat
Keine Werbung
CD-Empfehlungen