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Felix Mendelssohn Bartholdy

Mendelssohn: Paulus

Herreweghe, Orchestre des Champs-Élysées, Collegium Vocale Gent
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Herreweghes Paulus-Einspielung von 1996 hat nichts an Intensität über die vergangenen 20 Jahre verloren. Mendelssohns erstes Oratorium führt er in klarem Duktus auf, dem die vier Sänger folgen. Man versteht alle sehr gut, ganz besonders den präzisen Matthias Goerne. Herreweghe bringt immer wieder einzelne Stimmen, in Orchester und Chor, spannend heraus. Diese Detailarbeit in Klang und Interpretation zieht in ihren Bann, weil das Oratorium nie einschläft.
t1 Konzertführer
Felix Mendelssohn Bartholdy
Oratorien

Für den Oratorienkomponisten Mendelssohn waren zwei Voraussetzungen bestimmend. Als Elfjähriger trat er 1820 in die Berliner Sing-Akademie ein, um unter der Leitung Zelters die geistliche deutsche Chortradition kennenzulernen. Werke von Heinrich Schütz und vor allem die Motetten Johann Sebastian Bachs wurden regelmäßig musiziert. Die Zugehörigkeit Mendelssohns zur Sing-Akademie kulminierte in einem wahrhaft geschichtsträchtigen Datum. Am 11. März 1829 dirigierte er selbst die erste (allerdings gekürzte) Aufführung der Matthäus-Passion seit dem Tode Bachs.

Zum anderen kam Mendelssohns Affinität zu England hinzu; das Land der Händel-Tradition schlechthin. Mehrfach hatte er dort Händel‘sche Oratorien aufgeführt, an deren dramatisch zupackenden Gestus er anknüpfen wollte. Geriet der 1836 komponierte Paulus op. 36 weitgehend zu einem lyrischen Selbstbekenntnis (Mendelssohn war vom Judentum zum Protestantismus konvertiert), so gelang in dem zehn Jahre später entstandenen
Elias op. 70 ein Werk von großem dramatischen Atem. Mendelssohn war gut beraten, dieses Werk auf dem Musikfest von Birmingham (1846) zur Uraufführung zu bringen, denn in England konnte er mit einem traditionsreichen, gebildeten Oratorienpublikum rechnen. Das Sujet um den alttestamentarischen Propheten hält auch – im Sinne des ‚englischen‘ Händel – genügend spannungsgeladene Episoden bereit. Der Kampf des Elias mit den heidnischen Baal-Priestern, das Regenwunder, die Feuerprobe, schließlich der Eremit in der Wüste, der mit feurigen Rossen gen Himmel reitet – Szenen von biblisch mitreißender Kraft.
Zwei Ebenen stellt Mendelssohn in den Vordergrund; zum einen den Chor, der sowohl kommentiert als auch aktiv in das Geschehen eingreift. Damit wird das Modell der Bach-Passionen (Choräle und Turbachöre) aufgegriffen. Zum anderen ist die individuelle Persönlichkeit des Elias bestimmend, den Mendelssohn selbst so charakterisierte: „Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn heut' zu Tage wieder brauchen könnten, stark eifrig, auch wohl bös und zornig und finster ...“
Der Elias orientiert sich zwar an der Passionsidee Bachs und wesentlich an der dramaturgischen Spannung Händels, hat aber nichts mit einer Stilkopie zu tun. Mit den Mitteln der modernen Harmonik und Instrumentation gelingen kraftvolle Naturschilderungen, in den Sopran- und Altarien herrschen geradezu innige Schlichtheit vor und in manchen Passagen – namentlich des zweiten Teils – ist eine fast biedermeierliche Milde zu spüren. Zwischen barocker Formenstrenge und gefühliger Wärme bewegt sich Mendelssohns Oratorium, realisiert ebenso den szenischen Effekt wie die lyrische Kantilene. Nach Haydns singulären Beiträgen zu dieser Gattung kann das Oratorium ein letztes Mal sich selbst feiern. Mendelssohns Wunsch, mit einem weiteren Werk eine biblische Oratorientrilogie zu schaffen, ging nicht in Erfüllung. Das Oratorium Christus blieb unvollendet.
Bernhard Rzehulka

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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