zum Tod von Lars Vogt

Mendelssohn: Piano Works

Orchestre de chambre de Paris, Vogt
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"Was nützt es, wenn ich toll Klavier spielen kann, aber tot bin?" – ein Galgenhumor, den man bei Lars Vogt in den letzten Monaten häufiger bemerken konnte. Nun hat er, kurz vor seinem 52. Geburtstag, den Kampf gegen den Krebs verloren. takt1 erinnert an ihn mit seiner zuletzt erschienen Aufnahme mit dem Orchestre de chambre Paris, das er erst 2019 als Chefdirigent übernommen hatte.

 

Lars Vogt tritt hier in Personalunion als Dirigent und als Solist am Klavier auf – eine Einheit, die gerade im romantischen symphonischen Solokonzert eine große Aufgabe ist. Doch er behält dabei einen angenehm kühlen Kopf und arbeitet mit dem Orchester klangvolle Details aus, die dem doch häufiger bemühten Repertoire eine neue Betrachtungsweise verleihen. Das erste Klavierkonzert hatte Mendelssohn der jungen Pianistin Delphine von Schauroth gewidmet, mit der ihn eine Liebesromanze verband. Doch muss man die in die Musik interpretieren? Es ist in der Tat innige Musik, wild mitunter, verwoben und auch leidenschaftlich. Besonders der zweite Satz betört nahezu mit seiner Intimität; farbenreich und nahezu fragil interpretiert. Spannend ist auch der biographische Vergleich zum zweiten Konzert, das nach der Hochzeitsreise mit seiner Frau Cécil entstand: Die Musiksprache ist eher dramatisch-verhalten, gerade zum Anfang, weniger leichtfüßig und unbedarft. Ein besonderes schönes, musikalisches Give-Away: Das zarte und süßliche Capriccio brillant, stets geschmackvoll vorgetragen, trotz des deutlich intendierten und komponierten Show-Effekts. 

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Weiterführende Links

Mendelssohn Bartholdy: Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll op. 25

Mendelssohn Bartholdy: Konzert Nr. 2 d-Moll für Klavier und Orchester op. 40

Mendelssohn Bartholdy: Capriccio brillant h-Moll op. 22

t1 Konzertführer
Felix Mendelssohn Bartholdy
Konzert Nr. 1 g-moll für Klavier und Orchester op. 25

Waren die fünf zwischen 1822 und 1824 geschriebenen Konzerte nur als Studienwerke anzusehen, die der Komponist nicht veröffentlichte, so entwirft Mendelssohn während seines Rom-Aufenthalts 1830/31 sein erstes reifes Instrumentalkonzert. Wahrung der klassischen dreisätzigen Form bedeutet hier nicht mehr Orientierung an Konventionen: Kein Orchestervorspiel, sondern eine kurze herandonnernde ‚Crescendo-Walze‘ des Tutti eröffnet den Kopfsatz, auf die sich der Solist mit wuchtigen Oktavskalen und brillanten Passagen zugleich in das Geschehen einschaltet. Ihm ist auch die Vorstellung des Hauptthemas übertragen, das Orchester nimmt dieses auf. Das Seitenthema lässt der Komponist aus einem Kopfmotiv erst nach und nach entstehen, der Solist ‚findet‘ gleichsam, wie phantasierend, dessen vollständige Gestalt (Des-dur!) erst durch Sequenzieren des Kopfmotivs. In der Durchführung ist, wie schon in der Exposition, das Prinzip des konzertierenden Dialogs des Soloinstruments mit dem Orchester in einer Weise angewandt, die Entfaltung des solistischen Elements nicht behindert, aber zugleich das Orchester angemessen an der motivisch-thematischen Arbeit beteiligt. In der Durchführung spielen auch die Oktavskalen des Beginns eine Rolle. Ein schmetterndes Motiv der Blechbläser beschließt die Coda, an die sich ‚attacca‘ ein kadenzierender Übergang des Solisten in den langsamen Satz anschließt. Dieses Andante, ein intimes, duftig instrumentiertes Lied ohne Worte, verklingt pianissimo, worauf unvermittelt (wiederum ‚attacca‘) die aus der Coda des Kopfsatzes gewonnene Einleitung des Finales losbricht; seine Themen, der schwungvolle Hauptgedanke und der schillernde, hochvirtuose Seitensatz, werden wieder vom Solisten vorgestellt. In der Reprise schafft Mendelssohn übergreifende formale Zusammenhänge durch Reminiszenzen an die Themen des Kopfsatzes. Ein kurzes, wie nachdenkliches Anhalten des stürmischen Flusses sichert der wirbelnden Coda desto größere Wirkung.
Hartmut Becker

© Csampai / Holland: Der Konzertführer. Rowohlt Verlag.
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